Quartalsbericht Jonathan

Die ersten Monate im Hogar Dios con Nosotros

Samstag, sehr früh. Minibus Nr. 117 Richtung Mendoza, Argentinien.

Ich sitze eingeengt zwischen dem Fenster und einer korpulenten Chilenin, die ihren quengelnden Sohn auf dem Sohn hat. Vor uns die Anden, eine kurvige Straße, hinter uns Santiago. Mein Santiago.
Ich habe mir vorgenommen, in diesem Zustand (Santiago im Rücken) mal über die vergangenen Monate nachzudenken. Ich hatte gehofft, die Sonne würde strahlen auf mein neues Zuhause. Das tut sie aber nicht, denn heute ist es ausnahmsweise mal bewölkt. Ziemlich doof für meine Metapher, die dadurch ein bisschen hinkt. Aber dennoch kann ich zwei Erkenntnisse daran deutlich machen, die mich hier prägen:

1) Auch bewölkte Tage sind wichtig. Ich bin hier in Chile angekommen und es war einfach perfekt. Genau 1041 Tage nach dem Ende meines Schüleraustausches war ich wieder im Land meiner Träume. Ich habe einfach alles wieder erkannt, es geliebt und war überglücklich, wenn ich nur die Bordstein angeschaut habe, die mich an meine Zeit in Puerto Montt erinnnert haben. Oder von zwanzig Menschen an einem Tag auf die Wange geküsst wurde zur Begrüßung. Irgendwie hat alles gestimmt. Dass das unendlich so weitergehen würde, wär zwar schön, aber leider sehr unrealistisch. Chile ist eben auch nicht unfehlbar. Das habe ich an kleinen Stellen gemekrt, die mich in dem Moment dann zwar gestört haben, im Nachhinein das Leben hier aber echter und die schönen Momente wervoller machen.
2) Imperfektionismus. Ein Plan (z.B. dass die Sonne heute auf Santiago scheint) ist eine Möglichkeit, etwas zu erreichen. Aber es ist eben nicht die einzige Möglichkeit. Ich werde in diesem Bericht trotzdem klarmachen können, warum Santiago für mich strahlt. Und auf meine Zeit hier übertragen, habe ich gemerkt, dass es ein ganzes Alphabet voller Ersatzpläne gibt. Und das Beste daran: das macht es nicht schlechter!

Was sehe ich jetzt also, wenn ich aus dem Fenster nach hinten schaue?
Auffällig viele Berge für eine Großstadt. Abgesehen davon, dass ich einige davon mit wunderschönen Ausblicken verbinde, könnte jeder Berg für einen der Bereiche stehen, die meinen Alltag hier prägen.
Da hätten wir einmal den Arbeitsberg, welcher ziemlich im Zentrum meines Lebens steht. Fünf Mal die Woche darf ich in den Hogar „Dios con nosotros“. Darf, weil es für mich einfach mit positiven Erlebnissen verknüpft ist. Aufstehen hier bei der anfänglichen Kälte war zugegebenermaßen ein Kraftakt. Aber einmal aus dem Bett, gehe ich gerne in den Hogar, weil ich genau weiß, dass mich dort diese besondere Athmosphäre aus Freude, Liebe und Dankbarkeit für das Leben erwartet, wegen der ich hergekommen bin. Zwischen noch undeutlicher als den anderen Chilenen sprechenden und nicht immer wohlriechenden Menschen, die durch ihre Behinderung scheinbar in vielen Dingen eingeschränkt sind und die mitunter ein tösendes Geschrei veranstalten; zwischen Leuten, die sich für ihr Lachen und ihr Weinen nicht schämen und die in vielem so viel weiter, ehrlicher und echter sind als ich und andere; zwischen Leuten wie diesen fühle ich mich einfach wohl! Auch hier gilt die „Graue-Wolken-Regel“ - manchmal knistert es zwischen uns Mitarbeitern und vereinzelt geht mir dann doch die Geduld aus mit einem der Jóvenes. Aber ich bin überglücklich mit meiner Arbeit und würde nicht tauschen wollen!

Zur Arbeit gehört auch die Residencia. Das ist die Einrichtung der Fundación für Menschen, die von der Straße kommen. Dort arbeite ich immer mittwochabends nach meiner Arbeit im Hogar. Die Arbeit dort macht mir auch großen Spaß, vor allem, weil sie ganz anders ist, als im Hogar. So langsam stellt sich auch da der Alltag ein. Über beide Stellen werde ich an anderer Stelle mal noch ausführlicher berichten.

Zwei weitere große Berge sind der der Freunde und der meines Hauses. Mit meiner WG (4 Mädels) komme ich echt gut aus. Wir hocken nicht den ganzen Tag aufeinander, aber wir sind eine angenehme Gemeinschaft und unterstützen uns, wo es geht. Wenn nach einem langen Tag jemand zu Hause ist und dir zuhört, ist das schon schön. Apropos Haus: Ich wohne fast zu luxeriös. Im Vergleich zu den anderen FW wohnen wir ziemlich europaähnlich, was auf der einen Seite weniger Probleme bedeutet, auf der anderen Seite aber auch ein bisschen schade ist, da wir in dieser Hinsicht nicht komplett hier eintauchen können. Auch dass uns Nachbarn fehlen, da wir auf dem Gelände der Fundación wohnen, bedauere ich ein wenig. Trotzdem genieße ich unsere Lage in der Hinsicht, dass wir so viel von der Fundación mitbekommen und direkt beim Gewächshaus wohnen, worauf ich später nochmal eingehe.
Freunde habe ich sowohl deutsche, als auch chilenische gefunden. Das ist hier aber auch verdammt geschickt. Mit den anderen FW hat man fast automatisch einige Gemeinsamkeiten und dadurch, dass wir so nah zusammen wohnen und an vielen Stellen (Arbeit, WG, Freizeit, Sport,...) verzahnt sind, lernt man sich echt gut kennen. Dass ich mir vornehmen muss, manchmal alleine zu sein, gibt vielleicht ein Bild davon, wie permanent ich mit anderen gemeinsam bin. Über den Sport (ich spiele Volleyball!), Arbeit und meine Kontakte zu den alten Leuten aus Puerto Monnt, habe ich auch schnell Anschluss an die Chilenen gefunden. Aus diesem großen Pool habe ich also die Wahl zu treffen, wie ich meine freie Zeit, also v.a. die Wochenenden verbringe: ein Ausflug mit der WG, einfach drauflos trampen mit FW, feiern gehen mit alten Freunden oder doch im Garten arbeiten? Man merkt, dass das gar nicht so einfach ist.

Der letzte Hügel für heute ist die Kirche. Wenn ich nicht unterwegs bin, dann bin ich sonntagmorgens in der Gemeinde von Schwester Karoline. Das ist ein sehr lebendiger katholischer Gottesdienst, der mir von Mal zu Mal besser gefällt. Im Anschluss werden wir fast immer zu den drei Ordensschwestern Karoline (Gründerin der Fundación), Maruja (Wegbegleiterin von Beginn an) und Teresa (Leiterin der Residencia) zum Essen und Quatschen eingeladen. Es ist für mich etwas ganz besonderes, diesen drei bemerkenswerten Frauen so nahe zu sein und sie kennenzulernen. Das freut mich jedes Mal.
Abgesehen von den vielen Erhebungen, ist Santiago voller Lichter und Leuten. Obwohl es vor Sonnenaufgang ist, lebt diese Stadt und das 24 Stunden am Tag. So krass bin ich nicht, aber meine Schlafgewohnheiten habe sich hier dennoch der Metropole, also gegen 0 angenähert. Das Leben ist viel zu schön, viel zu voll, als dass ich schlafen könnte. Ich gehe ins Bett mit einer Liste von Dingen, die ich am nächsten Tag machen will und stehe früher auf, um damit anzufangen, nur um zu merken, dass nicht einmal das reciht. Was seltsam klingt, ist so ziemlich das größte Problem das ich hier habe und es ist ein verdammtes Luxusproblem: Ich kann mich nicht entscheiden, was ich machen soll.

Dieses Land, diese Leute, dieses Jahr bieten so viele Möglichkeiten. Fast zu viele, denn so habe ich oft das Gefühl, etwas zu verpassen. Allerdings kann ich im Endeffekt ja nur gewinnen, was ich oft vergesse. Worüber ich noch gar nichts geschrieben habe, ist die chilenische Gesellschaft. Das ist etwas, was ich aus dem Bus nicht sehen kann, weil es in den kleinen Dingen steckt. Wie die Herzlichkeit, mit der ich hier überall empfangen werde oder wie die Unbeschwertheit, die Spontanität, die Offenheit, die Wärme... Teilweise versteckt es sich aber auch, wie zum Beispiel die Armut. Hinter den Fassaden eines Menschen oder eines Hüttchens entdecke ich iso langsam den tatsächlichen Zustand. Ich bin nach Recoleta gekommen, um den Bedürftigen zu helfen und habe die erst gar nicht gesehen. Aber hinter müsam aufgerichteten Hauswänden und gepressten Lächeln stecken oft persönliche Schicksale, Familiendramen, Armut, Drogen und Gewalt.

Das war noch lange nicht alles, was ich erzählen möchte. Aber ich habe zwei Probleme:
1) Dieser Text ist jetzt schon sehr lang.
2) Ich fahre gerade in die Anden ein.

Links und rechts sind plötzlich die mächtigsten Felsformationen zu sehen. Über mir Schnee, vor uns eine verkurvte Bergstraße. Lamas am Rand, ein heruntergestürzter Container und vor allem diese Berge. Ich bin wirklich überwältigt. Meiner Meinung nach ist dieses Panorama eindeutig würdig dafür, mein erstes Quartal in Chile zu beschließen. Auf dass die nächsten drei nicht weniger wunderbar werden!

Jonathan Maisenbacher

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