Karoline erleben

Karoline erleben

Keine Ausgrenzung und keine Vorurteile

Dorothea Klette über Schwester Karoline

Ich habe Karoline schon 1978 kennen gelernt. Ich begann damals meine Tätigkeit als Lehrerin an der Deutschen Schule in Santiago. Für mich war zunächst ein Problem: Was tue ich, gut bezahlte Lehrerin mit einer großen Wohnung in einem wohlhabenden Viertel von Santiago, in Karolines Armenviertel? Wenn ich mit dem Auto dorthin fuhr, meinte ich, dass ich mich schämen müsste. Damals habe ich von Karoline gelernt, dass die sozialen Unterschiede kein Hindernis für eine gute Begegnung zu sein brauchen.

Als ich 1988 wieder als Lehrerin nach Buenos Aires ging, habe ich gleich in meinem ersten Jahr Karoline besucht.  Sie hatte sich damals entschlossen, in einem anderen Teil des Armenviertels zu wohnen und dort noch mal mit ihrer sozialen Arbeit von vorne zu beginnen. Sie zeigte mir das Haus, in dem sie zu wohnen beabsichtigte. Es war alles so schrecklich elend, heruntergekommen und verfallen, dass mir die Tränen kamen. Karoline nahm mich in die Arme und sagte: „Du brauchst nicht zu weinen, du brauchst doch hier nicht zu leben.“ Heute ist dieses Haus bei aller Bescheidenheit ein Ort der Offenheit, der Begegnung, des frohen Zusammenseins, in dem ich meine glücklichsten Stunden in Santiago verbracht habe. Danke, liebe Karoline.

Nach meiner Pensionierung habe ich viele Male in den verschiedenen sozialen Einrichtungen der Fundación Cristo Vive in Santiago / Chile und in Cochabamba / Bolivien gearbeitet. Dabei habe ich als besonders beglückend erlebt, dass es Karolines Wunsch und Ziel ist, alle Menschen zusammen zu führen, egal welcher geographischen oder sozialen Herkunft, welcher Weltanschauung und Religion, welchen Alters, welcher sexuellen Orientierung etc., jeder ist willkommen. Und dass für sie immer der Mensch im Mittelpunkt steht, jeder einzelne. Für sie ist es die Mitarbeit am Reich Gottes. Aber jeder soll für sich entscheiden, wo er die Motivation seines Handelns sieht. Nur eins ist uns allen gemeinsam: Es gibt keine Ausgrenzung und keine Vorurteile.

Dorothea Klette

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Schwester Karoline ist gegenDiskriminierung Homosexueller, für Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche und für die Ehe für alle

Wie Nicola Wiebe (li) und Michaela Balke (re) Schwester Karoline erlebt haben

Wir, Nicola Wiebe und Michaela Balke, kamen im August 1990 das erste Mal nach Chile und landeten „zufällig“ in Karolines bescheidenem Häuschen in der Poblacion in der Calle Justicia Social in Recoleta. Wir beide arbeiteten ein Jahr als Freiwillige, Nicola im Kindergarten Naciente und Hogar Dios con nosotros, Michaela in sozialen Institutionen in Nordchile. Nachdem wir unsere Studien abgeschlossen hatten, arbeiteten wir immer wieder bei Cristo Vive, beide mehrere Jahre als Geschäftsführerinnen von FCV Bolivia in Cochabamba, sowie mehrere Jahre direkt an Karolines Seite in der FCV Chile in Santiago. Auch sind wir beide aktive Mitglieder unseres Vereins Cristo Vive Europa. Wir haben also viele Jahre das Glück gehabt, Karoline , ihre vielen MitstreiterInnen und ihr Werk begleiten und unterstützen zu können. Wir haben sie dabei in verschiedensten Situationen erleben können. Wir möchten hier vor allem Zeugnis ablegen dafür, was wir an Karoline persönlich schätzen und warum sie für uns eine Wegweiserin und Vorbild geworden ist.

Über das grossartige soziale Werk, das Karoline mit ihren MitarbeiterInnen und UnterstützerInnen aus Deutschland in nunmehr 50 Jahren in den Bereichen Gesundheit, Kindererziehung , Ausbildung, Begleitung von behinderten Menschen,  Arbeit mit Obdachlosen und in der Drogenrehabilitation als integrative Dienste für arme und ausgegrenzte Menschen geschaffen hat, kann man auf unserer Website lesen. Was man hier nicht lesen kann, aber was wir besonders hervorheben möchten, ist Karolines Fähigkeit, in den drei Stiftungen in Chile, Bolivien und Peru und auch bei unserem Partnerverein Cristo Vive Europa die verschiedensten Menschen zusammenzubringen und zusammen solidarisch zu handeln. Besonders deutlich ist dies in Chile, wo die sehr polarisierten Schichten arm/reich, links/rechts, Menschen mit Mapucheabstammung/eher europäscher Abstammung selten zusammen arbeiten und leben. In der Fundación Cristo Vive (FCV) Chile arbeiten „linke“‘  Pobladores, Mütter der Kinder in den Kitas ohne grosse Schulbildung, gleichzeitig sitzen im Vorstand  einige Unternehmer aus einflussreichen chilenischen Familien und beraten die Finanzen der Fundacion oder helfen bei juristischen Fragen, Ärzte aus der Clinica Alemana arbeiten freiwillig im Gesundheitszentrum (CESFAM); der verstorbene Geschäftsführer, der vorher bei einem Erdölkonzern gearbeitet hatte, widmete sein Leben komplett der Fundación. Jeder gibt das, was er kann,  an Arbeitszeit, freiwilligem Engagement, Spenden oder findet einfach einen Sinn in der Arbeit in einem der Dienste der Fundación ohne Zwang, aber in gutem Geist.

Wir bewundern ihren persönlichen Mut in so vielen brenzligen Situationen:

Anfang der 90er Jahre, direkt nach der Diktatur in Chile, hörten wir, dass Karoline während der Diktatur Menschen versteckt hatte; immer wieder fragte sie bei den Militärs nach verschwundenen Menschen;  sie nahm an Demonstrationen gegen das Militärregime teil und wurde sogar einen Tag selber festgenommen. Auch hatte sie 1973 nach Beginn der Diktatur entschieden, nach Santiago in die Poblacion zurückzukehren, anstatt sicher mit ihrem damaligen Schwesternorden nach Deutschland auszufliegen. Auch entschied sie bis heute, in der Población zu wohnen, obwohl dort der Drogenhandel immer mehr zunimmt, und es vor ihrem Haus auch hin und wieder zu Schießereien kommt. In all den Jahren ließ sie auch ohne Angst diverse Jugendliche/junge Männer mit ihren Waffen (Messern, Schlagketten, etc) in ihr Haus eintreten, wenn diese sich entschlossen hatten, auf Gewalt zu verzichten.

Wir haben immer wieder erlebt, wie Karoline, egal wie müde oder erschöpft sie auch mal ist, jedem, dem sie am Tag begegnet, immer herzlich, mit viel Energie und Offenheit entgegentritt: sei es ein Gespräch mit einer Kollegin aus der Finanzabteilung, eine junge deutsche Freiwillige, eine Ministerin, ein Botschafter, eine Obdachlose; auf alle lässt sie sich ein im hier und jetzt.

Deutlich wird dies vielleicht auch an ihren Tagesabläufen, die wir häufig miterleben durften und die oft sehr „verrückt“  sind (hier in Stichpunkten): Beim Morgengebet  mit ihren Mitschwestern Maruja und Teresa – zu dem jeder eingeladen ist – verteilt sie an die Drogenabhängigen vor ihrer Haustür Milch und berät sie zu einer Berufsbildung; ein deutscher Freiwilliger möchte über ein eigenes Projekt in der Kita sprechen; angekommen im Büro: ein schwieriger Anruf beim Bildungsministerium – denn die staatliche Subvention für die fünf Berufsschulen ist immer noch nicht angekommen; eine Frau, die Arpilleras herstellt,  bittet um Karolines Meinung; 120 Emails aus Deutschland, Chile und Bolivien lesen und bearbeiten; ein Anruf, eine Pobladora sei bei einem Unfall gestorben: eine Trauerrede muss gehalten werden/den Angehörigen geholfen werden; schnell in den Jeep, zwischendurch noch der Sekretärin Carol ein paar Anweisungen zur Tagesordnung für die bevorstehende Vorstandssitzung geben; zurück im Büro, ein Obdachloser im Drogen-Reha-Zentrum ist schwer drogenabhängig: Anruf im Drogenrehazentrum Talita Kum  und Gesundheitszentrum CESFAM, Beratung über notwendige erste Schritte, welche Institutionen sollen kontaktiert werden; Vorstandssitzung zur Finanzlage der FCV, Planung des Geburstags der FCV mit 500 MitarbeiterInnen; zwischendurch Besuch einer Luxemburgerin, die die  FCV unterstützen möchte, natürlich auch ein persönliches Gespräch mit Karoline; Anruf aus Bolivien:  Anfrage, ob die Fundación mehr Schüler aus weiteren armen Dörfern im Internat aufnehmen könnte;  inzwischen ist es 19 Uhr, Maruja versucht Karoline zum Abendbrot nach Hause zu bewegen. Sie sagt, sie müsse noch einen Input geben bei einer Sitzung aller solidarischen Vereinigungen in Chile…. etc. Gegen 23 Uhr ist sie zu Hause in der Calle Justicia Social; zur Erholung (wie sie sagt) kocht sie dann gerne Aprikosenmarmelade, die sie uns allen dann als Mitbringsel nach Deutschland bringt. Solche Tage sind wirklich keine Seltenheit… und Karoline immer fröhlich und voller Kraft.

Durch Karolines Wirken in der Población, ergänzt durch diverse spannende Gespräche zu Glaubensfragen, in Gebeten und Andachten, haben wir auch eine ganz konkrete „Anwendung“ der  „Theologie der Befreiung“ kennengelernt. Karoline setzt sich ein für ein andere, eine nicht strafende Kirche, beugt sich oft nicht den kirchlichen Hierarchien und hinterfragt sie, wenn es geboten scheint. Auch bezieht sie in öffentlichen Interviews klar Stellung gegen die Diskriminierung von Homosexualität in der Kirche, setzt sich ein für Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche sowie für die Ehe für alle. Hierdurch hat sie unseren Glauben gestärkt und beigetragen, ihn zu behalten,  trotz aller haarsträubenden Entwicklungen in der Institution Kirche, die man besonders in der OpusDei-nahen katholischen Kirche in Chile erlebt.

Mit Karoline haben wir auch gelernt, etwas sofort zu tun, JETZT zu handeln, nicht lange aufschieben, nicht vielleicht, mal sehen, morgen…. Dabei auch besonders „das Unmögliche möglich zu machen“, auch wenn es lange dauern wird. Wie oft schwimmt sie selbst oder die Fundacion gegen den Strom. Beispiel:  wie oft hat sie das Thema „Finanzierung der Berufsbildung für Schulabbrecher versus  Finanzierung von grösseren Gefängnissen“ Politikern aller Richtungen vorgetragen;  oder nach einem schweren Brand im Gefängnis von Santiago sorgte sie mit dem Rechtsanwalt der Fundación zur Verteidigung der Rechte der Angehörigen der Verstorbenen, von denen viele noch nicht einmal ein Urteil bekommen hatten. All dies trifft nicht immer auf Verständnis.

Ein anderes wichtiges Element ist ihre Gabe und ihr unerschütterlicher Glaube, in allem einen Sinn zu sehen, irgendeine Deutung. Selbst im Tod ( „Heimgang“, wie sie immer sagt) von Menschen, in Dingen, die im Moment nicht klappen. In Bolivien gab es z.B. ständig Strassenblockaden, darum konnte Karoline manchmal nur schwer zur bolivianisch-chilenischen Grenze fahren; oft hätte sie fast ihren Flieger verpasst,  wurde dann aber z.B. von bolivianischen Militärs/Polizisten mitgenommen. Mit ihnen sprach sie während der Fahrt über Glauben und Gerechtigkeit.

Oder eine Anekdote auf dem Flughafen in Cochabamba: Einmal  vergaß sie ihre sehr volle Handtasche mit persönlichem Adressbüchlein, Notizen, auch recht viel Bargeld, Pass etc. auf einem der Flughafenwagen. Dort fand ihn Angelino, ein bescheidener Gepäckhelfer, und gab sie bei der Polizei ab und sorgte dafür, dass Karoline sofort kontaktiert würde, damit sie sich “keine Sorgen mache“. Dies rührte Karoline so, dass die Szene in der Presse erschien und sie nutzte dies sogleich, um den weit verbreiteten  Vorurteilen vom „stehlenden“ Bolivianer in Chile entgegenzuwirken.

Weitere kleine Episoden: Unzählige Male begleitete sie schwerkranke Menschen nachts und zu allen denkbaren Nacht- und Tageszeiten. In Bolivien fährt sie mit ihrem Jeep auch gerne mal durch Flussbetten, um rechtzeitig zu einer Dorfversammlung zu kommen. Als Michaelas Tochter geboren wurde, schlich sie sich nachts in die moderne überwachte Klinik in Santiago, um sie gleich als erste zu sehen und zu begleiten. Um mit dem schwerkranken chilenischen Unternehmer und langjährigen Wegbegleiter der Fundación, Jorge Fernandez,  in der Intensivstation einer Klinik zu beten, überzeugte sie das strenge Personal, dass menschliche Wärme das wichtigste zum Überleben sei.

Manchmal fährt sie Hunderte von Kilometern, um ihr wichtige Personen zu treffen, irgendwie ahnend, dass es auch das letzte Mal sein könne:  so wie gerade in diesem Sommer zu einer langjährigen Freundin in Berlin. Während  all ihrer vielen Aktivitäten vergaß sie nie, unseren Müttern in Deutschland etwas mitzugeben: einen Gruß, ein kleines Lapizlazuli-Kreuz . Immer noch Karfreitags organisiert sie in Santiago die Karfreitagsprozession durch das ehemalige Folterzentrum Villa Grimaldi, um weiterhin auf die Verschwundenen und Gefolterten der Diktatur aufmerksam machen.

Trotz aller ernster Situationen lacht sie oft, erzählt gerne Anekdoten auch über sich selbst, feiert und tanzt gerne.

Durch all diese Erlebnisse sind Karoline, die Stiftungen in Lateinamerika und unser Partnerverein Cristo Vive Europa ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens geworden. Zur Zeit sind wir beruflich nicht in den Fundaciones in Lateinamerika tätig , aber wir versuchen den  „Geist von Cristo Vive“ weiterzutragen, damit es auch an anderen Stellen „Cristo Vive“ gibt und wir richten unser eigenes Handeln immer wieder an ihrem Beispiel aus.

Für all dies danken wir Karoline von Herzen!

Nicola Wiebe und Michaela Balke

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Die Geschichte des Taxifahrers

Sophie Neumanns Erlebnisse mit Schwester Karoline

Das erste Buch, das Schwester Karoline im Jahr 2010 gemeinsam mit Angela Krumpen veröffentlichte, heißt „Das Geheimnis ist immer die Liebe“. Wer Karoline kennt, der weiß jedoch, dass die Liebe bei ihr eigentlich gar kein Geheimnis ist. Sie trägt sie offen vor ihrem Herzen, sie wirft sie mit beiden Händen um sich und füllt mit ihr jeden Raum aus, den sie betritt. Und sie bezieht jeden in diese Liebe ein, egal welcher Herkunft, welchen Glaubens und/oder welcher Vergangenheit.

Man darf das nicht falsch verstehen, Schwester Karoline kann auch anders. Sie kann sich durchsetzen, sie kann auf den Tisch hauen und sie kann hartnäckig sein. Sonst hätte sie nicht all dies erreicht- sonst wäre die Fundacion Cristo Vive heute nicht die, die sie ist.

Ich selbst stolperte sehr zufällig über die Fundacion, als ich 2009 über die Vermittlungsorganisation weltwärts eine Stelle als Freiwillige in Lateinamerika suchte. Zugegeben hat mich der Name zunächst etwas abgeschreckt, ich komme aus einer nicht-religiösen Familie und hatte während meiner Schulzeit nur sehr wenige Berührungspunkte mit der Kirche und mit dem Glauben. Trotzdem freute ich mich über die Einladung zum Auswahlseminar in Göttingen und wenn ich aus heutiger Sicht sage, dass dieses Wochenende meinen gesamten weiteren Lebensweg beeinflusst hat, dann ist das nicht gelogen. Das Auswahlseminar, die weiteren Vorbereitungsseminare bei der Fundacion Cristo Vive Europa und dann natürlich das Jahr als Freiwillige in Chile haben meine Entwicklung als junge Erwachsene maßgeblich beeinflusst und mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Neben all den unglaublichen Erfahrungen, die solch ein Jahr jedem Freiwilligen schenkt, habe ich vor allem gelernt, was es bedeutet, interkulturell zu leben, was Chancengleichheit verändern kann, und nicht zuletzt habe ich Freundschaften fürs Leben geschlossen.

Seit vielen Jahren entsendet Cristo Vive Europa Freiwillige nach Chile und Bolivien und gibt so jungen (und junggebliebenen) Menschen die Möglichkeit, über den Tellerrand zu schauen und sich sozial zu engagieren. Erst nach einigen Jahren als „Rückkehrerin“ ist mir bewusst geworden, wie viel (großteils ehrenamtliche) Arbeit hinter diesem Arbeitskreis Freiwillige steht und wie unglaublich wichtig dieser Austausch auch für die Fundaciones in Chile und Bolivien ist.

Neben einem Austausch zwischen den Kulturen ist meine Zeit in Chile und die ehrenamtliche Mitarbeit hier in Europa auch ein Austausch unter den Generationen geworden. Was in Südamerika Alltag ist und so einfach erscheint, ist uns hier viel zu stark verloren gegangen: Die Kommunikation untereinander, das Lernen voneinander und der Umgang miteinander- all das habe ich in meiner Zeit mit Schwester Karoline und Cristo Vive erfahren, erleben und erlernen können.

Von tausenden Geschichten, die ich aus Chile erzählen könnte, ist mir diese eine beim Schreiben in den Kopf gekommen: Wir fahren abends aus dem Zentrum Santiagos mit dem Taxi nach Hause in die Poblacion Recoleta. Seit ca. einem Monat sind wir jetzt in Chile, mit dem Spanisch läuft es noch ziemlich holprig. Der Taxifahrer fragt uns, woher wir kommen und was wir in Chile machen; wir antworten, wir kommen aus Deutschland und arbeiten hier als Freiwillige in Recoleta. „Bei Hermana Karolina?“ fragt er. Während der 20minütigen Fahrt erzählt er uns dann seine Geschichte und wie Schwester Karoline ihm und seiner Familie während der Zeit der Diktatur geholfen hat. Leider verstehe ich nur jedes zweite Wort und ärgere mich sehr über mein fehlendes Spanisch. Beim Aussteigen sagt er uns noch: „Liebe Grüße an Schwester Karoline, ich denke jeden Tag an sie!“ Später am Küchentisch fragen wir uns, wie es sein kann, dass wir in einer Stadt mit fast 6 Millionen Einwohnern und gefühlt genauso vielen Taxis genau den Taxifahrer erwischen, der solch eine Geschichte zu erzählen hat. Und wie viele unserer Nachbarn und Arbeitskollegen eine ähnliche Vergangenheit haben.

Ich spreche wohl im Namen vieler Freiwilliger und ehemaliger Freiwilliger, wenn ich mich von Herzen bei Cristo Vive und Karoline bedanke – für ihr unglaubliches Engagement, für ihr Lachen und ihre Liebe und für jede einzelne ihrer Anekdoten!

Sophie Neumann

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Verdient gemacht in Humanität, Frieden, Geschwisterlichkeit, Nächstenliebe, Leib- und Seelsorge

Emil Stehle, ehemaliger Bischof von Santo Domingo de los Colorados in Ecuador, +2017 (in einem Brief an Agnes Bleile, Göttingen)

…Wir kennen seit Jahrzehnten gemeinsam eine Frau, die ihr ganzes erwachsenes Leben lang den Armen eine Arme, den Elenden eine Elende, den Ausgebeuteten eine Ausgebeutete, den Rechtlosen eine Rechtlose, den Hungernden eine Hungernde, den Kranken und Schwachen eine ihnen Beistehende, den unschuldig und politisch Verfolgten eine Verfolgte war.
Eine Frau, die vehement für die den Kindern verwehrte Zukunft kämpfte, die wegen ihres Einsatzes für die Wahrheit verleumdet, wiederholt des Lebens bedroht und körperlich verletzt wurde, die Attentate hinnahm, die für die Arbeiter konsequent gerechten Lohn und würdige Arbeitsplätze forderte, die einer brutalen Diktatur trotzte, im Namen Gottes Freiheit für ihr Volk verlangte und vielen Missbrauch am Menschen verhinderte.
Es ist die deutsche Ordensschwester Karoline Mayer, geboren 1943, seit 1968 in den Slums von Santiago de Chile.
Karoline Mayers Sein und Tun inmitten tausender Gefährdungen sind beispielhaft. Sie hat sich in Humanität, Frieden, Geschwisterlichkeit, Nächstenliebe, Leib- und Seelsorge verdient gemacht.
In meiner Eigenschaft, zuerst als Geschäftsführer der „Bischöflichen Aktion Adveniat für Lateinamerika“ mit Sitz in Essen, Deutschland, habe ich das Tun, Kämpfen, Leiden und Siegen von Schw. Karoline oft genug vor Ort beobachten und in moralischer und materieller Hilfeleistung begleiten können. Später als Bischof von Santo Domingo de los Colorados, Ecuador, habe ich in meiner Region ihr Beispiel und ihre Vorbildlichkeit in Theologie der Befreiung und pastoraler Option für die Armen aufgegriffen und vielerorts Folge geleistet.
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Katholisch und evangelisch

Helmut Frenz, Pastor i.R., ehemaliger Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Chile, langjähriger Geschäftsführer von Amnesty International, +2011

Ich kenne Schwester Karolina Meyer seit 1970, als ich als Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Chile meinen Dienst in Santiago antrat. Damals begann unter der Regierung des sozialistischen Präsidenten Dr.Salvador Allende die hoffnungsvolle Aufbruchsstimmung für die im Elend lebende Bevölkerung Chiles. Zu dieser Zeit hatte Schwester Karoline Meyer bereits ihr erstes christliches Sozialwerk  „Missio“ gegründet. Karoline Meyer lebte von Anbeginn an selber inmitten der armen Bevölkerung in einer Armensiedlung am Rande der Millionenmetropole Santiago. In bewundernswerter Weise. Karoline ist nicht nur solidarisch mit den Armen; sie ist und lebt als Arme unter und mit den Armen. Das macht ihre Arbeit so glaubwürdig. Und so zieht sie immer wieder  Menschen in ihren Bann, die von ihrem Lebensstil, von ihrem lebendigen Glauben, von ihrer Hingabe an andere überzeugt sind. Karolines Glaube ist ansteckend.  Ihr tätiger Glaube wirkt wie Hefe. Sehr schnell bildet sich um sie herum eine Gemeinschaft von Menschen, Frauen und Männern, Jungen und Alten,  die ihr Werk bewegen und beflügeln. Ihr Glaube an Christus, den Heiland und Erlöser, ist ganz und gar tätiger Glaube. Karoline Meyer ist katholische Ordensfrau. Doch das merkt man ihr niemals an. Als evangelischer Christ kann ich nicht anders, als  Karoline eine „hingebungsvolle Jüngerin Christi“ zu nennen. Wichtig ist ihr nicht eine „konfessionell organisierte Kirche“; was Karoline braucht, ist die Gemeinschaft derer, die in der Nachfolge Christi stehen, so dass Christus lebt.

Hier eine Episode, die ich mit ihr erlebt habe: Im Jahre 1974 – also zur Zeit der schlimmsten Verfolgung in Chile durch die Militärdiktatur Pinochets – rief mich Schwester Karoline an: „Helmut Du musst mir wieder einmal helfen. In meiner Armensiedlung „Angela Davis“ benötige ich unbedingt eine einfache Hütte als Krankenstation zur Behandlung meiner Kranken. In deiner Gemeinde gibt es einen Sägewerkbesitzer. Frag doch einmal, ob er uns nicht eine Fuhre von den Rindenbrettern schenken kann, die für ihn ohnehin nur Abfall sind.“ Für mich war es ein Leichtes, diese „Rindenbretter“ zu beschaffen. Wenige Wochen später – es war in der Adventszeit – ruft Karoline mich erneut an: „Helmut, ich möchte dich bitten, am Heiligen Abend gemeinsam mit dem (katholischen) Bischof Jorge Hurtón unsere neue kleine Kapelle zu weihen. Es soll eine ökumenische Kirche sein.“ Natürlich sagte ich zu. Doch ich konnte es nicht unterlassen, etwas nachzufragen:  „Karoline, die Bretter, die ich dir besorgt habe, waren doch für eine Krankenstation bestimmt. Du hast doch nicht etwa jetzt damit eine Kirche gebaut???“

Sie lachte: „Doch, doch! Aber die Kirche kann doch auch als Krankenstation dienen!!!“

So ist Karoline. Am Heiligen Abend war ich dann pünktlich in „Angela Davis“. Wir haben vergeblich auf Don Jorge gewartet. Die Militärs hatten ihn am Kommen gehindert. Was tun? Karoline ganz einfach: „Helmut, dann machst Du das eben alleine! Aber bitte ökumenisch – evangelisch und katholisch!!“ Also weihte ich diese Kapelle „katholisch und evangelisch.“  Bitte fragt mich nicht „Wie?“

In der schlimmen Zeit der politischen Verfolgung durch die Militärs hat Schwester Karoline selbstverständlich ungezählte Menschen in ihren Amensiedlungen versteckt und damit gewiss vor dem Tod oder vor der Folter bewahrt. Sie ist Lebensretterin für sehr viele Menschen geworden. Dass  Karoline ein Tatmensch ist und ein außergewöhnliches Organisationstalent, ist inzwischen überall bekannt, bewundert und von Mitarbeitern „gefürchtet“, denn sie verlangt  viel. Dass Schwester Karoline aber auch eine warmherzige und verständnisvolle Seelsorgerin ist, wissen eigentlich nur diejenigen, die bei ihr Trost und seelische Zuflucht gesucht und gefunden haben. Ich kenne ein jetzt schon betagtes Ehepaar, das in der Zeit der Verfolgung sich als Liebespaar bei Karoline  versteckt hatte. Um sich zu retten, mussten sie sich trennen. Niemand wusste für wie lange Zeit. Sie hätten so gerne geheiratet. Doch sie durften sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Heute sagt dieses Ehepaar voll demütiger Dankbarkeit: „Uns hat Schwester Karoline getraut! Und deshalb hält unsere Ehe auch!“  Ich weiß nicht im Detail, was Karoline damals gemacht hat. Karoline hat einfach und menschlich geholfen, damit Christus lebt.

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