Rundbriefe und Rundbriefarchiv

Weihnachtsrundbrief 2019

Santiago im Advent 2019

Unsere lieben Freunde,

wieder möchte ich all unseren Freundinnen und Freunden frohe Weihnachtsgrüße übermitteln, die mir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Bolivien, Peru und Chile aufgetragen haben.

Von allen kann ich euch sagen, dass wir versuchen, den Auftrag Jesu im Dienst an den armen Menschen zu verwirklichen. Ihr unterstützt uns dabei, was uns oft ermöglicht, den Rücken frei zu haben für unseren Einsatz bei den verschiedenen Herausforderungen in unseren Kindertagesstätten, in der Ausbildung junger Menschen im Handwerk, im Dienst an den Menschen mit Behinderungen, an den Obdachlosen, den Drogenabhängigen, den sexuell missbrauchten Frauen und den älteren Menschen auf der Straße.

Wie ihr wisst, war ich in diesem Jahr viel unterwegs, um alle unsere Mitarbeiter ein wenig zu begleiten und ich kann mich nur freuen, wenn ich erlebe, wie wir miteinander Liebe säen und etwas beitragen können, dass Jesu Anliegen – dass Gottes Reich in unserer Welt wachse.

Eine neue Erfahrung ist für uns in diesem Jahr die Einladung des chilenischen Justizministers Hernán Larraín, in 3 Gefängnissen Werkstätten einzurichten und die Strafgefangenen in einem Handwerksberuf auszubilden. Wir hatten schon einige Male mit Gefangenen gearbeitet, aber jetzt sollte es eine Schule werden. Als unsere Mitarbeiter dort anfingen die Werkstätten einzurichten, fragte sie der Offizier der Gendarmen, woher sie denn kämen. Ihre Antwort war: „von Cristo Vive“, worauf er bemerkte: „hier lebt der Christus nicht!“. Diese Reaktion war ein Schlag für die Unseren.

Inzwischen haben die Kurse längst begonnen. Das Team unserer Ausbilder leistet Knochenarbeit. Manche ihrer Schüler kennen seit mehr als 10 Jahre nichts anderes als härteste Gefängnis-bedingungen, was ihr Verhalten geprägt hat – für uns unvorstellbar.

Nun war vorige Woche eine offizielle Inspektionsgruppe vor Ort, die vom Fortschritt und dem Benehmen der Gefangenen beeindruckt war, wobei dann der Offizier den Inspektor und unsere Mitarbeiter mit der Bemerkung überraschte „ahora Cristo vive aquí (jetzt lebt Christus hier)“.

Unsere Mitarbeiter waren sprachlos und kamen danach zu mir. Gleichzeitig aber hatten sie das Anliegen, „mir zu beichten“, dass sie in meinem Namen und mit meiner Unterschrift ihre Schüler, die Gendarmen und Freunde schon eingeladen hatten, miteinander am Montagmorgen des 23. Dezembers Weihnachten im Gefängnis zu feiern. Außerdem wollten sie für alle 78 Schüler ein Weihnachtsgeschenk erbitten – ein Symbol von Cristo Vive. Ich fiel aus allen Wolken: ein Stückchen chilenischen Himmels, ein blaues Lapislazulikreuzchen!!! Natürlich konnte ich da nicht widerstehen… Ich werde eine Spende dafür finden und gleichzeitig meinen Freund Nelson mit diesem Auftrag beglücken. Am liebsten würde ich alle unsere Freunde aus Fern und Nah zu diesem Weihnachtsfest einladen.

Manchmal werde ich gefragt, woher ich in meinem Alter (76) die Kraft und die Freude nehme, um vor allem die dauernd auftauchenden Schwierigkeiten und Probleme auszuhalten. Dann muss ich lachen, denn nicht immer würden alle verstehen, wenn ich gleich antwortete: „Woher? Einfach aus dem Herzen Gottes!“. Und so antworte ich oft, denn das hat mit derselben Quelle zu tun: „die wunderbaren Begegnungen mit anderen und der Dienst der Liebe, den wir miteinander tun, gibt mir unendlich viel Stärke und macht Spaß.“

Vor 20 Jahren lud eine deutsche Freiwillige am Ende ihres Einsatzes Fabian, einen unserer jungen Männer der Gemeinde Cristo Vive, nach Deutschland ein. Seine Eltern waren aktive Mitglieder der Gemeinde bei mir in der Quinta Bella. Wir waren alle schwer betroffen, als plötzlich aus Deutschland die Nachricht kam, dass Fabian lebensgefährlich verunglückt war.

Viele Menschen in Deutschland und wir in unserer Gemeinde haben alle Rosa, Fabians Mutter, unterstützt, damit sie zu ihm nach Deutschland fliegen konnte. Der junge Mann war wochenlang im Koma. Als er aufwachte, meinten die Ärzte, dass dazu sicher die Nähe seiner Mutter beigetragen hat, die fast Tag und Nacht bei ihm war. Aber nach 2 Monaten wurde es für Fabians Vater Miguel fast unerträglich, ohnmächtig den Verlauf der Genesung abzuwarten!

Das spürten die Gemeindemitglieder und boten sich an, verschiedenste Sammelaktionen zu machen, um das Geld für einen Flug für ihn zu organisieren. Das bedeutete damals eine große Summe, fast ein unmögliches Unternehmen, aber alle waren bereit mitzumachen. Wochenlang sammelten wir Peso für Peso. Da kam eines Tages Isabel aus der Gemeinde an meine Türe und wollte mir etwas Wichtiges mitteilen: Sie wäre vor einigen Wochen gekündigt worden und hätte ihre Abfindung erhalten. Davon könnte sie für den Flug beisteuern und überreichte mir – in Pesos, wenn ich mich recht erinnere – um die 600,- Euro. Ich war sprachlos. Sie wohnte mit ihren 2 Töchtern nicht weit entfernt von uns in einer kleinen Gasse. Auf keinen Fall wollte sie, dass ich der Gemeinde ihren Namen verriet. So musste ich das Geheimnis hüten. Miguel konnte nach Deutschland fliegen, Fabian und seine Frau Rosa einige Wochen begleiten und nach einigen Monaten kamen Rosa und Fabian, nun im Rollstuhl, in unsere Gemeinde zurück.

Nun erschien vor einigen Wochen Miguel, Fabians Vater, in unserem Haus und erzählte mir, dass er in Rente gegangen und ausgezahlt worden war. Jetzt wollte er wissen, wer damals die unglaublich solidarische Person gewesen war, die seinen Flug gesponsert habe, denn er wollte sich jetzt bei ihr erkenntlich zeigen und ihr etwas zurückerstatten. Da konnte ich nicht anders, als ihm antworten: „Unsere ‚Chavela‘ (Isabel), die du jeden Sonntag siehst.“ Ihm gingen die Augen über – Chavela, die unauffällige, bescheidene, dünne Frau, die Sonntag für Sonntag vor dem Gottesdienst die Liste der Verstorbenen und Kranken vorliest, für die wir miteinander beten. Miguel wollte mir sofort das Geld überreichen, damit ich es Isabel weiter gebe. Aber ich wollte, dass er seinen Dank ihr gegenüber selbst zum Ausdruck bringe und sie mit dem Geld überrasche. Das würde ihr sicher guttun.

Nach einer Woche kam Miguel wieder in unser Haus und war etwas verwirrt. Er hatte Isabel zu einem Gespräch in unsere Gebetskapelle gebeten, um ihr das Geld zu überreichen. Aber nachdem sie sich von der Überraschung erholt hatte, verweigerte sie die Annahme und erklärte ihm, dass sie das damals aus Liebe getan und nichts zurückerwartet habe. Nun drückte Miguel mir das Kuvert mit rund Euro 300.- in die Hand und meinte, dass es in der Gemeinde viele Bedürftige gebe. So ist es. Mit größtem Spaß habe ich das Kuvert unserem Gemeindeleiter Elias übergeben, damit unser „Gemeindeteam der geschwisterlichen Hilfe“ jetzt zu Weihnachten Lebensmittel für bedürftige Familien kaufen kann.

Seht ihr, wo meine Freude herkommt?

Noch kurz zur politischen Situation in Bolivien und Chile.

Erst vergangenen Donnerstag bin ich aus Bolivien zurückgekehrt und kann sagen, dass im Land Ruhe eingekehrt ist. Aktiv werden die angesagten, aber noch nicht zeitlich festgelegten Wahlen erwartet. Noch haben die verschiedenen Parteien und Organisationen sich nicht geeinigt, ihre Präsidentschaftskandidaten endgültig zu ernennen. Mein Gebet und Wunsch für Bolivien ist, dass dort weiter Gottes Reich der Gerechtigkeit und des Friedens für alle wachse, besonders aber für die Ärmsten des Landes, die über Jahrhunderte verachtet und am Rande der Gesellschaft lebten.

In Chile gehen die Proteste weiter. Obwohl die gewalttätigen Anschläge nachgelassen haben, liegt etwas Angst und Unsicherheit in der Luft. Ich war seit Jahren besorgt, dass Chile gesellschaftlich wie in der Ruhe vor einem schlimmen Sturm war, fand mit meinen Warnungen aber kein Gehör. Ich sah die miserablen Löhne und die Verschuldungen mit Kreditkarten unserer Nachbarn durch das Angebot des Konsums, wie auch die erbärmlichen Renten der alten Menschen nach 35 und 40 Arbeitsjahren: zwischen 120.-und 150.- Euro mit Lebenshaltungskosten fast wie in Europa, eine unbeschreibliche soziale Ungerechtigkeit in einem Land, das unvorstellbare Bodenschätze hat, die im Besitz von weniger als 10% der Bevölkerung sind.

Der Sturm brach am 18. Oktober aus – zunächst die Proteste begleitet mit größter Zerstörungswut – und richtete schrecklichen Schaden an. Unglücklicherweise rief der Präsident für über eine Woche, den Kriegszustand aus, was die Wut vieler Leute eher noch mehr erhitzte. Die Übergriffe von Polizei und Militärs erinnerten an die Diktatur und produzierten Tausende von Menschenrechtsverletzungen: über 20 Tote, 357 Menschen mit schweren Augenverletzungen durch „perdigones“ (Gummigeschosse mit Metallkernen) der Polizei, Tausende unschuldig Verletzte…

Aber immer mehr setzt sich die Überzeugung durch, dass Chile aufgewacht ist: „Chile despertó“ und strukturelle gesellschaftspolitische Veränderungen erwartet werden oder erzwungen werden müssen: Ausstieg aus dem neoliberalen Wirtschaftssystem. Zur Überwindung der im Jahr 1980 von der Diktatur installierten Verfassung wird eine Nationalversammlung gefordert, die für Chile eine neue Landesverfassung erarbeiten wird. Inzwischen konnte die Mehrheit der Parteien dazu ein Plebiszit aushandeln, das im nächsten April stattfinden wird.

Eine neue Verfassung soll vor allem die Würde der Armen und die soziale Gerechtigkeit achten. Ich glaube, dass wir das schaffen werden mit Gottes Hilfe. Das ist mein Gebet in dieser Heiligen Nacht.

Viel Freude und Segen des Kindes in der Krippe in diesen adventlichen Tagen, an Weihnachten und an jedem Tag des Neuen Jahres 2020!

Wir bleiben verbunden

Eure Karoline

Weihnachtsbrief 2019

Zur Erinnerung unsere Anschrift und Konto: „Cristo Vive Europa e.V.“ Hallertauer Volksbank e.G. Manching Kontonummer: 9670068 BLZ: 72191600

Mehr Informationen: Karoline Mayer Casilla 2943, Santiago de Chile Tel: 0056-2-6255243, karoline@fundacioncristovive.cl Zuhause:0056-2-6212003

www.cristovive.de
www.fundacioncristovive.cl
www.bolivienprojekt.de
www.fcv-bo.org

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