Erfahrungsbericht Lea Bader Kindergarten

2. Quartalsbericht Lea Bader

Kindergarten Santiago de Chile

Unsicherseit, Angst, Zweifel, Vermissen – solche Gedanken haben zwar nicht überwogen, aber besonders in der ersten Zeit mein Denken und Handeln mitbestimmt.
Wenn ich jetzt zurück blicke auf das vergangene halbe Jahr und besonders auf die letzten Monate hat sich viel verändert, zumindest von meiner Gefühlslage her. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, der Eingewöhnungszeit und auch noch manchen Unsicherheiten nach ein paar Monaten, fühle ich mich jetzt so richtig „mittendrin“.

Die letzten Monate ist viel passiert.

Wir hatten die ersten Besuche in unserer WG, die alles ein bisschen aufgemischt haben. Nach wie vor klappt das WG-Leben gut, wobei sich jetzt doch einige Abläufe und Routinen einpendeln und herausspiegeln, wodurch die Wege sich teilweise etwas trennen und die gemeinsame Zeit somit weniger wird. Das ist denke ich aber auch vollkommen normal.
Beim großen Teleton hier in Chile haben wir, durch eine Kirchengemeinde in unserer Nähe, an einer Spendensammelaktion teilgenommen. Das war eine super Erfahrung und hat viel Spaß gemacht.

Im November war im Hogar der Fundacion das Frühlingsfest. Im Vorhinein hatten wir dafür viel geprobt und mit den Freiwilligen bei der „fiesta de la primavera“ dann etwas vorgeführt. Ansonsten haben wir in den letzten Monaten mit Wochenendausflügen auch ein bisschen die Umgebung Santiagos bereist und somit Städte wie Vina del Mar, Valparaiso oder Pichilemu kennengelernt.
Obwohl ohne Winter, Kälte, Weihnachtsmarkt und Familie nicht so richtig Weihnachtsstimmung aufkam, war der Dezember finde ich besonders in der Einrichtung ein wichtiger Monat.
Nach vier Monaten bot sich die Zeit, die ersten Projekte zu starten und dadurch mehr Verantwortung zu übernehmen und den Kinderkrippenalltag aktiver mitzugestalten. Somit habe ich den Kindern einen Adventskalender gebastelt. Jedes Kind durfte einmal ein Türchen öffnen und hat eine Kleinigkeit bekommen. Außerdem habe ich jeden Tag eine Frucht oder ein Gemüse mitgebracht, den Kindern vorgestellt und es mit ihen gemeinsam probiert. Meine Idee war, dass die Kinder ihr Essen nicht immer nur zubereitet auf ihrem Teller sehen, sondern auch eine Vorstellung davon bekommen, wie es 'unberührt' aussieht. Außerdem sollten sie die Möglichkeit bekommen, mal etwas exotischere, ihnen unbekannte Früchte zu probieren. Neben dem Adventskalender und den Früchten haben wir jede Woche eine Bastelaktion durchgeführt. Mit Sternen haben die Kinder Weihnachtsbaumschmuck beklebt, durch Kartoffeldruck haben sie Weihnachtskarten gebastelt und in der letzten Woche vor Weihnachten haben wir mit beiden Salas Plätzchen gebacken. Am Ende konnten die Kinder dann alles als Weihnachtsgeschenke für ihre Familien mit nach Hause nehmen. Auch die Weihnachtsfeier in der Kinderkrippe mit den Familien war ein sehr schönes, fröhliches Fest.

Nach einem zwar total anderen, aber super schönen Navidad in Navidad am Meer und einem Silvester in Valparaiso beim größten Feuerwerk Lateinamerikas, bin ich hier in Chile gut ins neue Jahr gestartet.
Besonders die letzte Zeit hat die Arbeit in der Kinderkrippe riesig Spaß gemacht. Alles hatte sich eingependelt, in dem Team mit den Tias meiner Sala konnten wir gut zusammen arbeiten, die Kinder und ihre Eigenheiten kannte man und konnte dementsprechend auf sie eingehen. Und jetzt wo die Kleinen gerade angefangen haben meinen Namen zu sagen und man sich so richtig an sie gewöhnt hat, verlassen sie die Kinderkrippe und gehen in den Kindergarten. Die Feier des Egresos war ein schöner Abschluss des Kindergartenhalbjahres und ehrlich gesagt auch sehr rührend.
Es war für mich einfach ganz besonders zu sehen, wie die Kinder wachsen, sich entwickeln und immer mehr dazu lernen. Und das in nur sechs Monaten. Bei dem Gedanken die Kleinen nie wieder zu sehen und so gar keine Idee zu haben, wohin sie ihr Weg führt, sind mir dann schon ein bisschen die Tränen gekommen. Sie haben mein erstes halbes Jahr hier wirklich besonders gemacht, und sie waren es, die mir den Einstieg in die Arbeit so erleichtert haben.

In den letzten Tagen des Februars ohne Kinder in der Kinderkrippe haben wir die Inhalte Montessoris und die Aufgaben der Tias noch einmal besprochen. Das war auch für mich interessant. Mit der Zeit verstehe ich auch immer besser die Konstellationen und Sympathien der Tias untereinander. Aber auch durch Gespräche über Vorfälle oder Ereignisse blicke ich immer tiefer in das Leben in der Poblacion ein. So verstehe ich teilweise bestimmte Ursachen oder Auslöser für so viele Probleme mit Armut, Drogen und vor allem Gewalt. Das lässt mich viel nachdenken. Zwar nimmt einen das mit, aber ich finde diese Konfrontation total wichtig und ich denke sie hilft auch mit mehr Verständnis an die Arbeit mit den Kindern, die genau aus solchen Verhältnissen kommen, zu gehen.

Die nächste Zeit, also die Arbeitszeit des Februars werde ich mit einer meiner Mitbewohnerinnen mit Streicharbeiten in meiner Sala Cuna verbringen. Schon jetzt freue ich mich auf den bevorstehenden Urlaub und das Reisen mit Besuch aus der Heimat. Nach unserem Zwischenseminar startet dann das zweite Halbjahr so richtig. Auf das ganze Neue bin ich schon gespannt. Außerdem habe ich mit meiner Directora bereits über die Verwirklichung einiger Projekte gesprochen. Somit hoffe ich, dass die Planung gut fuktioniert und ich in der zweiten Halbzeit davon noch vieles umsetzen kann. Für die Arbeit in der Sala wünsche ich mir, dass es auch in neuer Tiakonstellation harmoniert. Entgegen anfänglicher Absprache werde ich die Sala nicht wechseln, sondern in der älteren Sala bleiben, weil dort weniger Tias sind und meine Hilfe mehr gebraucht wird. Zwar hätte ich gerne auch in der Sala mit den jüngeren Kindern gearbeitet, aber ich kann die Notwendigkeit meiner Hilfe in der anderen Sala gut nachvollziehen. Da die Directora über meinen Wunsch, die Arbeit in der Sala menor kennenzulernen, Bescheid weiß, bin ich zuversichtlich, dass sich ein Weg findet, auch das zu vereinbaren. Neben der Arbeit ist mir wichtig, die Zeit hier voll und ganz zu nutzen und ein gutes Gleichgewicht zwischen Rausgehen, Erkunden und Erleben und den Haushaltsarbeiten, Blogschreiben und Kontakt nach Hause zu finden.

Ein halbes Jahr liegt also nun schon zurück. Zu Beginn und auch längere Zeit haben Gedanken an Deutschland und an Zuhause einen großen Platz eingenommen. So viele Gedanken habe ich dort gelassen – verschwendet? Gerade zur Zeit wird mir klar, wie schön man sich das Leben hier doch machen kann, was für ein Privileg es ist, das erleben zu dürfen und wie sehr ich die Zeit wahrscheinlich vermissen werde. Sei es der Almacenverkäufer, das Zumba, die Kinder, die Busse bei denen man jedes Mal denkt, sie fallen auseinander, das Einkaufen auf der Feria, wo man gefühlt von jedem 'mi nina' oder 'mi hija' genannt wird...
Aber mit solchen Gedanken muss man sich jetzt noch nicht befassen, denn die zweite Halbzeit steht noch in ihrer vollen Größe bevor. Ich freue mich auf Urlaube, Chile von seiner Naturvielfalt und die Menschen in anderen Regionen vielleicht ein bisschen besser kennenzulernen, auf Besuche und meine Freunde und Familie an meinem Leben hier teilhaben lassen zu können und ihnen alles zeigen zu können und vor allem bin ich gespannt auf die Arbeit, ein neues Team, neue Kinder und hoffentlich auf ein immer besseres Verständnis.

The best is yet to come. Lo mejor está por venir. Das Beste kommt noch.

Lea Bader

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