Abschlussbericht Zita Remelé

Abschlussbericht Zita Remelé

Jetzt ist es also soweit, unser Freiwilliges Soziales Jahr in Santiago de Chile neigt sich dem Ende. Es ist kaum zu glauben, wie schnell die Zeit verrannt ist und ich nun schon den letzten Bericht aus meiner Zeit hier in Chile verfasse. Ein ganzes Jahr habe ich in einem anderen Land gelebt, unvergessliche Erlebnisse gemacht, so viele neue Erfahrungen dazugewonnen, Freunde fürs Leben gefunden, mich neuen Herausforderungen gestellt, eine andere Realität und Lebensformen kennengelernt, die schönsten Orte der Welt gesehen und mit Sicherheit das beste Jahr meines Lebens verbracht. Ich hoffe, ich kann auch nur annähernd beschreiben, was dieses Jahr mit mir gemacht hat und euch ein letztes Mal eine kurze Zusammenfassung meiner Erlebnisse geben.
Als wir am 10. August des vergangenen Jahres vollbepackt am Frankfurter Flughafen standen, wurde mir erst so richtig bewusst, dass ich nun für ein ganzes Jahr in einem fremden Land leben würde. Zwar sind wir durch unsere vielen Vorbereitungsseminare sehr gut auf unseren Freiwilligendienst vorbereitet, dennoch ist man tausende Kilometer von Familie und Freunden getrennt und was einen am anderen Ende der Welt erwartete, war doch ungewiss. Jedoch wurden wir direkt nach unserer Ankunft im winterlichen Chile gleich sehr herzlich in die Gemeinschaft der „Fundacion Cristo Vive“ aufgenommen und auch in unseren Arbeitsstellen mit offenen Armen empfangen, sodass gar kein Platz für Heimweh war.

In meinem Kindergarten „Naciente“ habe ich mich von vornerein sehr wohl gefühlt. Mein erstes Halbjahr verbrachte ich in der sala „Mayor C“ und die Kinder und tias habe ich sofort in mein Herz geschlossen. Die anfänglichen Sprachschwierigkeiten habe ich zwar recht schnell überwunden, jedoch war es am Anfang natürlich erst einmal ungewohnt, nicht auf Anhieb das Gehörte zu verstehen. Mit meinen tias habe ich aber immer viel kommuniziert und da auch meine Kinder in einem sprachfähigen Alter waren, hat man schnell dazugelernt. Angefangen hat mein Aufenthalt mit den wichtigsten chilenischen Feiertagen, den „fiestas de patrias“ und so haben wir direkt am Anfang einen guten Einblick in die chilenische Kultur bekommen. Im Kindergarten haben wir typische Tänze der Ureinwohner Chiles aufgeführt und unser ganzes Viertel war dekoriert mit der Flagge Chiles.
Die anfänglich ungewohnte Wohnsituation in einem einfachen Viertel in Santiago de Chile, das Heizen und Kochen mit Gas und die teilweise undichten, sehr kleinen Zimmer habe ich mit meinen beiden WG-Mitbewohnerinnen Anna und Sophie gemeinsam bewältigt und nach einigen Monaten war das kleine Häuschen in Recoleta unser Zuhause hier in Chile und wird es für immer bleiben. Durch die einfachen Verhältnisse und die oft harten Bedingungen, unter denen einige Menschen hier leben, lernt man unfassbar schnell das Leben in Deutschland zu schätzen.

In den folgenden Monaten haben wir jedes Wochenende genutzt, um Ausflüge nach und um Santiago herum zu machen und konnten Ende des Jahres behaupten, dass wir uns schon einigermaßen in der großen Stadt orientieren konnten. Spannend war es natürlich, die ersten Male mit der Metro zu fahren, die ersten Einkäufe auf unserem Markt um die Ecke unseres Hauses zu tätigen und die riesigen Malls Santiagos zu bestaunen. Auch in meiner WG haben wir versucht, jedes aufkommende Problem schnell zu lösen und ich habe gelernt, dass Kompromissbereitschaft ein sehr wichtiger Bestandteil jedes guten Zusammenlebens ist.

Nicht zu vergessen ist aber unser Abenteuer in die Atacama-Wüste im Oktober, das für mich eines der absoluten Highlights dieses Jahres war. Mit fast allen anderen Freiwilligen sind wir für ein verlängertes Wochenende in die trockenste Wüste der Welt gefahren und verbrachten dort sehr beeindruckende und erlebnisreiche Tage. Das ist wirklich eine andere Welt, in die ich sofort noch einmal eintauchen würde.

Der Dezember war der wohl anstrengendste Monat meines Freiwilligenjahres, da ich einen Adventskalender für meine sala gebastelt habe, der eine tägliche Aktivität enthielt. Vom Gläser bekleben, Plätzchen dekorieren, Sternen ausschneiden und den Schneemann malen habe ich versucht, möglichst viel Abwechslung in den sonst immer gleich ablaufenden Kindergartentag zu bringen. Aber meine Mühe und Arbeit hat sich gelohnt und die Kinder haben sich wirklich sehr gefreut!
Außerdem hatte ich in im Dezember einen unfassbar schönen 18. Geburtstag feiern können, den meine WG, meine anderen Freiwilligenfreunde und meine sala für mich so einzigartig gemacht habe. Zuerst haben mir meine tias und meine Kinder eine Feier im Kindergarten organisiert und alle haben lauthals „Feliz Cumpleanos“ gesungen. Zur gleichen Zeit bekam ich zudem noch Besuch aus Deutschland von meinem Onkel Martin und so bekam ich viele Grüße aus meiner Heimat geschickt. Anna und Sophie haben ohne mein Wissen eine Überraschungsfeier geplant und abends waren viele der anderen Freiwilligen in unserem Häuschen und bis spät in die Nacht haben wir noch gefeiert. Mit Martin ging es für ein paar Tage an die Küste Chiles und mit einem gemieteten Auto sind wir die schönen Strände Chiles abgefahren. Mein erster Urlaub also, den ich in vollen Zügen genossen habe.
Davor führten wir im Kindergarten aber noch ein Theaterspiel vor, hier wird der Heilige Nikolaus nicht gefeiert und das nahmen wir zum Anlass, um den Kindern dieses schöne deutsche Tradition mitzugeben. Neben dem Schauspiel verteilten wir am Ende noch Orangen und Kekse an jede sala und alle waren ganz fasziniert von unseren Verkleidungen!

Weihnachten und Silvester das erste Mal ohne die Familie zu verbringen, war auch eine ganz neue Erfahrung für mich, da ich mich aber hier immer so wohl gefühlt habe, werde ich die Festtage in ungewohnt heißer Jahreszeit sehr gut in Erinnerung behalten.
In meiner Arbeit neigte sich gegen Mitte Januar schon das Kindergartenjahr langsam dem Ende zu und die Sommerferien wurden eingeläutet. Das bedeutete weniger Kinder und mehr Zeit, um die sala aufzuräumen und zu putzen. Denn im Februar wurde der Kindergarten für einen Monat geschlossen und die tias wurden in ihre wohlverdienten Ferien entlassen. Davor gab es natürlich noch die ein oder andere fiesta, wie man es von den Chilenen kennt! Das werde ich sicher auch mitnehmen nach Deutschland, die Freude an kleinen Feiern, alles wird mit dem Gegenüber geteilt und die Stimmung ist immer ausgelassen! Außerdem bereiteten wir die ältesten unserer Kinder auf die „graduacion“ vor, denn einige von ihnen verließen den Kindergarten für die bevorstehende Schulzeit.
Meine zwei Wochen Urlaub im Februar verbrachte ich mit Caro und Marie, zwei anderen Freiwilligen, im großen Süden Chiles. Neben dem bekannten Nationalpark Torres del Paine und dem beeindruckenden Gletscher Perito Moreno in Argentinien konnten wir Pinguine in Punta Arenas bestaunen und die südlichste Stadt der Welt Ushuaia besichtigen. Wie richtige Backpacker ging es mit nur einem Rucksack in die schöne Natur Patagoniens und voller überwältigender Bilder im Kopf wieder zurück nach Santiago.
Die verbliebenen zwei Wochen der Februarferien haben wir aber sehr produktiv genutzt. Jeder Freiwilliger sollte im Februar ein Kleinprojekt auf die Beine stellen und nach Absprache mit unsere directora entschieden wir Freiwillige vom jardin „Naciente“ uns für eine Neubemalung des Zaunes entlang des Kindergartens. Von meinem gesammelten Eigenbeitrag konnte ich Farbe kaufen und gemeinsam schenkten wir dem heruntergekommenen Zaun einen neuen, frischen Anstrich!

Die letzte Woche verbrachten wir für unser Zwischenseminar mit Helga am Meer und konnten die vergangene Zeit reflektieren, einen Rückblick werfen, aber auch auf das noch bevorstehende Freiwilligenjahr blicken. Neben eigenen Präsentationen über unsere Arbeit entworfen wir Plakate, durften uns kreative Rollenspiele überlegen und führten lange, anregende Gespräche. Richtig gestärkt und mit voller Energie konnte ich so in die zweite Hälfte meines Jahres starten. Von den Seminaren nehme ich immer ganz viel mit und würde sie auf keinen Fall missen wollen!
Im März wurde mir dann eine neue sala zugeteilt. Am Anfang war es schon hart für mich, meine „alten“ Kinder zu verlassen und eine komplett neue sala kennenzulernen. Auch die tias haben sich geändert, sodass wirklich alles neu für mich war. Nach den ersten Wochen, in denen jeder erst einmal seinen Platz finden und seine Aufgaben herausfiltern musste, wurden wir tias ein Herz und eine Seele und ein tolles Team. Noch viel mehr habe ich aber meine Kinder ins Herz geschlossen und bei Ausrufen wie „llegó la tia Zita!“ würde ich gerne alle einpacken und mit nach Deutschland nehmen. Immer wollen meine Kinder von mir auf den Arm genommen werden und es bricht Streit aus, wer sich auf meinen Schoß setzen darf.
Anfang April bekam ich nochmals Besuch aus Deutschland, diesmal von meiner Mutter. Ab und zu vermisst man doch seine Familie und einen Teil hier in Chile zu haben, ist ein schönes Gefühl. Neben unserer Kurzreise nach La Serena verbrachten wir viel Zeit im warmen Santiago und auch meinen Kindergarten konnte sie kennenlernen.

Mittlerweile war ich dann schon sehr gut in meine Arbeit eingearbeitet und ich fühlte mich ab Mitte April wie eine „normale“ tia. Auch das Spanisch beherrschte ich zu dieser Zeit schon sehr viel besser und das macht einfach alles sehr viel einfacher! Für meinen letzten Urlaub ging es mit meiner besten Freundin nach Peru. Neben dem faszinierenden Berg Machu Picchu und seiner sehr ursprünglich geprägten Stadt Cuszo wurden wir von der peruanischen Kultur überwältigt, die doch ganz anders ist als die chilenische. Gerade Santiago ist eine sehr moderne Stadt und nach Peru hatte ich nochmal ein ganz anderes Bild von Lateinamerika!
Nun sind wir auch schon fast am Ende angekommen, noch kurz möchte ich jedoch von meinem letzten Kindergartenprojekt berichten. Von meinem übrigen Eingenbeitrag konnte ich meinen Kindern einen Ausflug in einen schönen Zoo ermöglichen. Jedes Kind wurde von einem Elternteil begleitet und mit zwei großen Bussen wurden wir in den Buin Zoo gebracht. Dort verbrachten wir einen wunderschönen Tag und meine Kinder haben nur noch gestrahlt. Dass ich ihnen mitsamt ihren Eltern so eine große Freude bereiten konnte, macht mich überglücklich.

Nun bin ich in der Planung von Abschiedsgeschenken und kann kaum glauben, dass ich mich in wenigen Tagen von meinen Schützlingen verabschieden muss. Ich habe in diesem Jahr so unfassbar viel gelernt und erlebt und bin dankbar für jeden einzelnen Moment in meinem Freiwilligendienst! Klar war es manchmal auch nicht leicht und ich habe auch schwierige Zeiten überstehen müssen, aber auch an diesen wächst und lernt man.
Ein großer Dank geht natürlich auch an die Personen, die mich während meines Freiwilligenjahres in Chile begleitet haben und immer ein offenes Ohr für mich hatten. Ohne die tolle Vorbereitung des AKs Cristo Vive, der ehemaligen Freiwilligen, aber besonders Gabi Braun und ihrem Team, wäre mir der Einstieg hier sicher schwerer gefallen und ich hatte immer mehrere Ansprechpartner für meine vielen Fragen, auf die ich immer sehr zufriedenstellende Antworten bekommen habe. Besonders die Seminare mit den anderen Freiwilligen haben mir unfassbar viel Spaß gemacht und alle wichtigen Themen für unseren Dienst wurden auf die verschiedensten und kreativsten Art und Weisen behandelt. Während unseres Aufenthaltes in Chile war aber eine Person ganz besonders wichtig, unsere Ansprechpartnerin Helga Langhagen, die immer auf Abruf zu jeder Tag-und Nachtzeit war, uns bei persönlichem Krisen geholfen hat, lange Gespräche mit uns geführt hat und die monatlichen Reunions toll geleitet hat, aber auch bei den nie endend wollenden häuslichen Problemen sofort zur Stelle war. Wie oft haben Trockner und Waschmaschine den Geist aufgegeben, ist der Strom ausgegangen oder das heiße Wasser sprang nicht an und Helga hatte für alles gleich eine Lösung. Es ist einfach schön, sich nicht alleine und ohne Ansprechpartner in einem anderen Land zu fühlen, und dieses Gefühl hatten wir durch Helga nie.
Jetzt erwartet mich in knapp zwei Wochen meine Rückkehr nach Deutschland. Mein Koffer ist vollbepackt mit Erfahrungen, Erlebnissen und unvergesslichen Erinnerungen an meine Zeit hier in Chile. Nie werde ich diese vergessen und immer in meinem Herzen tragen.

Auf ein baldiges Wiedersehen, Chile!

Zita Remelé

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