Der 10. Monat in Chile – Agnes Birzer

Der 10. Monat in Chile – Zwischenbericht von Agnes Birzer

Es ist Mai.
Der Sommer ist vorbei. Der 10. Monat ist angebrochen.

Viele Dinge, die anfangs neu oder ungewohnt waren, sind jetzt alltäglich geworden. Wie zum Beispiel die laute Reggaeton-Musik vom Nachbarn, die Müllberge, die dreimal die Woche alle 10 Meter am Straßenrand die verschiedensten Abfälle der umliegenden Häuser, aber auch verschiedenstes Getier vereinen, die plumpen Anmachsprüche, wenn wir durch die Straßen der Población laufen oder die chilenische Art, sich mit einem Küsschen auf die Wange und nicht mit Handschlag zu begrüßen. Aber trotzdem werde ich jeden Tag neu überrascht, ob von den Leuten auf der Straße, meiner WG, meinen Kindern oder von mir selbst. Auch wenn nicht alle Überraschungen immer positiv ausfallen, ist es dennoch unglaublich belebend, immer wieder neues zu entdecken und zu erleben.

Seit Februar ist hier so einiges passiert. Wir haben unser Ferienprojekt „Rasen SalaCuna Naciente“ nach einer Woche harter Arbeit und bei der ein oder anderen mit so manchen Tränlein der Überforderung (5 Mädels, die alleine ohne Vorkenntnisse Rollrasen verlegen…) erfolgreich abgeschlossen.

Ich habe mich von Anfang an in meine neuen Kinder verliebt und das Arbeitsklima in meinem neuen equipo ist super.
Ende März hat mich meine Familie besucht, und wir haben ein bisschen bayrische Kultur (Volkstanz im Patio), und die Nestschaukel in den Kindergarten gebracht. Wir sind in den Norden gereist und ich habe mich dort durch die beeindruckende Landschaft nur noch mehr in dieses wunderschöne Land verliebt. Der oft hinterfragte Familienbesuch hat mir persönlich sehr gut getan und meine Familie hat jetzt ein Bild von meinem Leben hier und kann deshalb manche Dinge, die ich erzähle, ein bisschen besser verstehen. Der Abschied von meiner Familie ist mir nicht so schwer gefallen, weil es nicht mehr lange dauert, bis man sich wieder sieht.

In der Arbeit ist mir in den letzten Monaten bewusst geworden, dass hier im Kindergarten von den Tias in Hinsicht auf Erziehung oft ein wichtiger Punkt vergessen wird. Jedes Kind hat das Recht dazu, Kind zu sein. Man kann von einem Zweijährigen nicht erwarten, dass es zwanzig Minuten lang still sitzt und mit dem einen Stift, den man ihm in die Hand gedrückt hat, ruhig malt. Genauso wenig wie man ein Kind dafür bestrafen kann, wenn es sich, nachdem es ihm einmal erklärt wurde, nicht gemerkt hat, wie die Vokale heißen.

Ich gebe zu es ist nicht immer leicht und ich muss mich selbst auch in Momenten, in denen das letzte Bündel Geduld fast aufgebraucht ist, daran erinnern, aber es ist es wert. Kinder machen das nach, was sie bei den Erwachsenen sehen und hören. Ich werde und kann mich nicht über die Arbeitsweise der Tias beschweren, da sie es selbst als Kind nicht anders erlebt haben bzw. es so gelernt haben, aber ich versuche ihnen zu zeigen, dass es auch anders geht. Man kann sich nicht vorstellen wie schön das ist, wenn, nachdem man immer und immer wieder zu den Kindern sagt: „un amigo no se pega, se hace cariños“ (den Freund schlägt man nicht, man gibt ihm Zuneigung), irgendwann ein Kind auf dich zu kommt und sagt: „stimmts Tia, den Freund schlägt man nicht, man gibt im cariños?“. Oder wenn man in der Früh in die Sala kommt und die Kinder strahlend auf einen zu laufen und sich einem um die Beine schlingen.

Meine für das zweite Halbjahr geplanten Projekte sind noch nicht verwirklicht, aber schon konkreter. Die Nestschaukel zum Beispiel befindet sich dank meiner Familie schon im Kindergarten und wartet nur darauf aufgehängt zu werden. Wir müssen allerdings den Boden zuerst fallsicher machen und das Gerüst stabilisieren. Ich werde für alle Kinder eine Zahnbürste und einen Becher anschaffen, da es nach zwei Monaten immer noch Kinder gibt, die sich im Kindergarten nicht die Zähne putzen können und deshalb weinend aus dem Bad kommen. Dass Zahnhygiene bei Kindern wichtig ist, ist vielen Eltern nicht bewusst, deshalb putzen viele Kinder nur im Jardín ihre Zähne. Außerdem möchte ich mit meinen Kindern einen Ausflug machen. Ich weiß noch nicht genau ob in den Zoo oder wo anders hin. Denn so etwas wie Familienausflüge gibt es hier in vielen Familien, aufgrund von Geldmangel oder Faulheit der Eltern, nicht.
Allerdings haben wir uns mit der Verantwortung etwas allein gelassen gefühlt.

Faulheit – ein weiterer Punkt warum die Kinder hier nicht Kind sein dürfen. Es ist einfach bequemer für die Eltern, das Kind vor dem Fernseher, I-pad, Laptop ruhig zu stellen, als mit ihm nach Draußen auf einen Spielplatz zu gehen. Mir ist hier erst bewusst geworden, was für eine schöne Kindheit ich hatte. Und genau deswegen versuche ich meinen Kindern hier ein bisschen was davon mitzugeben.

– Agnes

Diese Webseite verwendet Cookies. Wir verwenden Cookies um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Sie geben Einwilligung zu unseren Cookies, wenn Sie unsere Webseite weiterhin nutzen. Weitere Informationen erhalten Sie unter Datenschutz