Erfahrungsbericht Linus Neitzel

1. Quartalsbericht Linus Neitzel

Fundación Cristo Vice, Jardin Infantil Naciente, Recoleta, Santiago de Chile

- Ein Land mit Kindern ist ein Land mit Zukunft. Kindern Leben zu schenken, sie groß zu ziehen, ist dem Tun des Försters vergleichbar, der einen Baum pflanzt und weiß: Wenn dieser Baum Schatten spendet, wird er selbst nicht mehr sein. (Helmut Kohl) –

Am 11. August des Jahres 2016 war der Tag gekommen, auf den ich ca. 1 Jahr lang gewartet habe. Der Tag an dem ich ein neues Leben beginnen sollte, genauer gesagt, meine Heimat verlassen, eine Arbeit anfangen, mit fremden Leuten zusammenleben und Dinge erleben, die ich mir am Anfang der Reise niemals vorstellen konnte.
Es war der Tag meines Abfluges nach Santiago der Chile, der Hauptstadt des boomenden Schwellenlandes Chile am Rande des Kontinentes Südamerika. Zusammen mit ca. 15 anderen Freiwilligen meiner Organisation Fundación Cristo Vive begann die etwa 30h lange Reise, die wohl zu den aufregendsten meines Lebens gehörten. In Santiago angekommen, wurden wir von unserer Freiwilligenbeauftragten am Flughafen abgeholt und in unsere Häuser gebracht, wo wir gleich unsere Mitbewohner kennenlernten.
Mein erster Eindruck der Stadt und unserer Wohnung war auf jeden Fall anders als gedacht. Die Stadt ist unfassbar riesig, laut, voller Menschen, teilweise dreckig aber auch wunderschön und interessant. Nach kurzem Einleben gefiel es mir persönlich auch sehr gut in unserer Wohngemeinschaft. Man hat nicht sehr viel Platz, jedoch merkte ich sehr schnell, dass ich sowieso nicht mehr brauchte, um meine mitgebrachten Sachen aufzubewahren. Als idealistischer Konsumkritiker fühlte ich mich sehr wohl und genoss die Tatsache, dass sich geringer materieller Besitz entlastend auf die Freiheit auswirkt.
Das Leben in der Stadt an sich und in der Wohngemeinschaft gefällt mir persönlich ausgesprochen gut. Santiago steckt meiner Meinung nach voller Überraschungen und Dingen, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Die Menschen hier habe ich größtenteils als sehr offen und hilfreich erlebt, auch zu einigen Chilenen habe ich schon gute Freundschaften aufgebaut.
Die ersten beiden Wochen im Land waren durchgehend von neuen Eindrücken geprägt. Es war einfach unglaublich interessant, den neuen Wohnort kennenzulernen und alles Neue kennenzulernen. Nach 2 Wochen, die von Sprachschule, Euphorie und Eingewöhnung bestimmt wurden, begann die Arbeit, auf Grund derer ich mich in Santiago befinde.

Meine Einsatzstelle, ein Kindergarten, der sich im Armenviertel von Santiago befindet, sollte für das nächste Jahr die erste „richtige“ Arbeit meines Lebens werden. In dem Kindergarten „Naciente“ arbeite ich nun seit 10 Wochen zusammen mit 5 anderen Freiwilligen. Ich persönlich bin in der „Transción A“ Sala (4-5Jahre) eingeteilt, in der ich momentan zusammen mit zwei Erzieherinnen und einer Praktikantin zusammenarbeite.
Insgesamt sind im Naciente ca. 200 Kinder in 8 Salas untergebracht, die alle aus Recoleta, wo ich ebenfalls wohne, kommen. Ich habe das Glück, das ich mit dem Fahrrad nach 5 Minuten Fahrt bei meiner Einsatzstelle bin. Um 8:30 beginnt mein gewöhnlicher Arbeitstag mit dem Begrüßen meiner Kolleginnen. Um diese Zeit sind noch nicht sehr viele Kinder in der Sala, was es mir glücklicherweise ermöglicht, Zeit mit einzelnen Kindern zu verbringen und mich mit ihnen zu unterhalten. Bis ca. 9:30 werden sukzessiv alle Kinder von Eltern oder Verwandten gebracht. In diesem Zeitraum gibt es auch die erste Mahlzeit des Tages, die normalerweise aus Milch und belegtem Brot besteht. Leider erhalten nicht alle Kinder zu Hause ein ausreichendes Frühstück, weswegen sehr darauf geachtet wird, dass niemand hungrig den Tag beginnen muss. Was mich am Anfang sehr geschockt hat, war die Tatsache, dass der Tag sehr strikt geplant ist. Den Kindern bleibt nur während der Spielphasen die Möglichkeit, sich wirklich frei zu entfalten. Das liegt aber daran –wie ich später erfahren habe- dass den Kindern dadurch beigebracht wird, dass man im Erwachsenenleben eine Tagestruktur benötigt, um ein geregeltes Leben zu führen.

Nach der morgendlichen Begrüßung, die aus Singen, Namensspielen, Erzählungen der Neuigkeiten und weiteren Aktivitäten besteht, gibt es entweder eine kleine Lerneinheit (z.B. Gesunde Ernährung) oder eine Spiel/Aktivitätenphase (z.B. Malen, Bauklötze oder Tonarbeiten). Einige Kinder können sich schon sehr gut alleine beschäftigen, wohingegen andere noch viel Aufmerksamkeit und Hilfe benötigen. Die Arbeit gefällt mir sehr gut, da man relativ viel Freiraum hat und die Kinder größtenteils sehr lieb und süß sind. Es gibt leider einige Probleme mit unruhigen Kindern, die sich untereinander schlagen. Ich persönlich finde es sehr schwierig, dort die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, zumal ich niemals den genauen Hintergrund der Kinder kenne. Auf die Frage hin: „Warum sich dieser Junge denn dauernd schlage und niemals ruhig sei?“ antwortete meine Kollegin mit einer Begründung, die für mich vieles erklärte. Laut ihr: „…lebe dieser Junge bei seiner Großmutter und habe keinen Kontakt zu seinen Eltern, weil diese Drogenprobleme hätten.“
Man muss sehr empathisch mit den Kindern umgehen und Verständnis für ihre Probleme zeigen und ihnen gleichzeitig einen definierten Lebensraum mit Normen und Regeln aufstellen.
Mittlerweile habe ich ein Gefühl dafür entwickelt, obgleich ich oft meine Kolleginnen um Rat bitte.
Vor dem Mittagessen der Kinder bekommen sie die Möglichkeit, sich auf dem Hof so richtig nach Belieben auszutoben. Meine Aufgabe besteht darin, aufzupassen, dass keinem Kind etwas passiert, aber auch mit ihnen zu spielen.

Das Mittagessen wird von der hauseigenen Küche zubereitet, von der wir in unserer Mittagspause ebenfalls kulinarisch versorgt werden. Meistens helfen wir den Kindern beim Einnehmen der Mahlzeit, bevor wie die Betten für den Mittagsschlaf vorbereiten. Nach dem die Zähne geputzt und Schuhe ausgezogen wurden, wird sich auch sofort hingelegt. Bis zu meiner Mittagspause sorge ich dafür, dass die Kinder ruhig einschlafen können, was auch meistens gelingt ;-).
In der Mittagspause bleibt dann etwas Zeit, um sich mit anderen Kolleginnen zu unterhalten und sich ein wenig zu entspannen. Gegen frühen Nachmittag wecken wir die Kinder wieder auf und machen sie frisch, wechseln die Klamotten und geben ihnen meistens frisches Obst, das von den Eltern beigesteuert wird, zu essen.
Nebenbei ordnen wir die Sala, damit die Kinder Platz zum Spielen und Arbeiten haben. Auch am Nachmittag geht es erneut geordnet auf den Hof, damit die körperliche Bewegung niemals zu kurz kommt. Dann ist es gegen 16:00 auch schon fast soweit, dass die ersten Kinder abgeholt werden. Zum Abschied bekommen die Kinder Milch, Joghurt oder etwas Brot, um sich vor dem Weg nach Hause stärken zu können.
Mein Arbeitstag endet täglich um 17:30, aber davor gehe ich noch in eine andere Sala, in der die Kinder, die etwas länger als normal bleiben, zusammen betreut werden. Dort machen wir öfters spezielle Aktivitäten, wie z.B. selber Sandwichs zubereiten oder Kekse backen.
An einigen Tagen weicht der Normalablauf etwas ab, wie z.B. an Filmtagen, Musicals oder Sportevents.
Nach der Arbeit fahre ich gemeinsam mit meinen Mitbewohnerinnen nach Hause und wir kochen, essen und spielen zusammen oder ich besuche Freunde, gehe Skateboard fahren oder erledige den Haushalt.
Die ersten 3 Monate in Santiago waren einfach nur wundervoll. Ich habe schon so viel gelernt, gesehen und erlebt und ich freue mich auf jeden weiteren Monat, denn ich habe sehr viel Glück, dass ich von Familie und Organisation so unterstützt werde.

Linus Neitzel

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