Kulturzentrum Sumaj Yachay

Aktuelle Entwicklungen im Kulturzentrum Sumaj Yachay in Bella Vista / Bolivien

Wie jedes Jahr wurden Ende Januar, nach den Sommerferien, die Aktivitäten im Kulturzentrum aufgenommen, Koordinations-und Planungstreffen mit den Erzieherinnen durchgeführt und die Aktivitäten für das Jahr festgelegt. Die Besuche bei den Familien sowie der Prozess der Einschreibung der Kinder abgesprochen und die Herausforderungen und Ziele auf Basis der Evaluierung des Vorjahrs 2019 festgelegt. Das Jahr begann mit viel Schwung, neuen Ideen und großer Motivation von Seiten des Teams.

In der ersten Februarwoche konnte die Hausaufgabenbetreuung und Lernförderung mit 25 Kindern starten und Ende Februar waren bereits 45 Kinder der verschiedenen Altersklassen und Schulstufen eingeschrieben, die regelmäßig ins Kulturzentrum kamen.

Das Team, das die Kinder betreut, besteht weiterhin aus den drei fest angestellten Erzieherinnen und wird von Maria Elena Flores geleitet und koordiniert sowie von deutschen Freiwilligen unterstützt. So können drei Lerngruppen mit Kindern aus jeweils zwei Alters- bzw Klassenstufen ideal betreut werden.

Wie jedes Jahr wurde im Februar auch der traditionelle Karneval gefeiert und es wurden zu diesem Thema verschiedene Aktivitäten und Spiele durchgeführt, die die Kinder mitorganisierten und bei denen der Gruppenzusammenhalt gestärkt wurde.

Anfang März wurde eine Vereinbarung mit INFANTE, einer Organisation zur Jugendförderung getroffen, die mit 10-14-jährigen in den Themen Selbstbewusstsein und Autonomie anhand verschiedener Workshops arbeitet. Es wurden wöchentliche Termine für das ganze Jahr geplant.

Zur gleichen Zeit hörte man in den Nachrichten erste Berichte zur Corona-Pandemie und in Bolivien wurden die ersten Fälle diagnostiziert. Die Regierung begann mit Präventions-kampagnen und das Team sorgte sich darum, die Kinder und Jugendlichen zu informieren und für Hygieneregeln zu sensibilisieren.

Bereits nach wenigen Tagen wurde am 17. März im ganzen Land eine strenge Quarantäne für die Dauer von drei Monaten verhängt und das Kulturzentrum musste bis auf weiteres schließen. Zur gleichen Zeit wurden auch die weltwärts-Freiwilligen auf Anweisung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie dem Auswärtigen Amt zurückgerufen und mussten innerhalb von wenigen Tagen ihre Rückreise nach Deutschland antreten.

Seitdem haben die Erzieherinnen versucht, mit den Familien der Kinder über Handy in Kontakt zu bleiben, was bei der Hälfte der eingeschriebenen Kinder auch gelang. So konnten sie die Familien und die Kinder im Umgang mit der Pandemie, aber auch in konkreten Aufgaben, wie Lese- und Mathematikaufgaben, anleiten. Leider haben 50% der Kinder, beziehungsweise ihre Familien keinen Zugang zu einem Handy und/oder zum Internet.

Noch schlimmer für die Kinder des Kulturzentrums war, dass in ihren ländlichen Gebieten die Schulaktivitäten komplett suspendiert wurden und es auch keinen digitalen Unterricht gab – ganz im Gegensatz zum urbanen Raum. In der Stadt Cochabamba machen viele Schulen den Familien dieses Angebot. Dadurch entsteht für die schon benachteiligten Kinder aus den Bergdörfern eine noch größere Lern- und Entwicklungslücke.

Die Erzieherinnen machten verschiedene Vorschläge, um das Kulturzentrum im Juni wieder eröffnen zu können. Keiner dieser Pläne konnte bisher umgesetzt werden, da das Virus weiter vorangeschritten ist und eine zu große Ansteckungsgefahr für die Kinder und ihre Familien sowie die Mitarbeiterinnen besteht.

Nach fast drei Monaten Quarantäne machte das Team verschiedene Hausbesuche bei den Kindern in Bellavista und wurde dabei Augenzeuge der traurigen Realität: Vielen Familien waren die Lebensmittel und so gut wie alle Ersparnisse ausgegangen, denn sie konnten keiner ihrer Arbeiten nachgehen oder ihre produzierten Produkte in der Stadt oder auf den Märkten verkaufen.

Dank einer Spendenaktion von Cristo Vive Europa konnten Mitte Juni Lebensmittel an 200 Familien ausgegeben werden, die durch die Pandemie am meisten betroffen sind. Unter ihnen auch Familien der Kinder des Kulturzentrums Sumaj Yachay.

 

Es bleibt ungewiss, wie es in den kommenden Wochen weitergeht. Sowohl die Erzieherinnen als auch die Leitung der Stiftung werden weiter versuchen, ihren Dienst so gut wie möglich weiterzuführen und die Aktivitäten des Kulturzentrums wieder aufzunehmen.

 

 

Erste Präsenzaktivitäten nach der 6-monatigen Quarantäne im September – hier im Haus der Eltern von Schulkindern des Kulturzentrums

Auch das 2. Semester 2020 startete mit einer großen Ungewissheit und gestaltete sich herausfordernd für die drei Erzieherinnen des Kulturzentrums. Seit Juni hatten sie sich regelmäßig getroffen, um verschiedene Möglichkeiten durchzusprechen, in welcher Form und mit welchen Maßnahmen (Hyigieneregeln, Mundschutz, soziale Distanz) man die Aktivitäten mit den Kindern langsam wieder aufnehmen könnte.

Hatte das bolivianische Bildungs-und Erziehungsministerium im Juni noch eine Weiterführung des Fernunterrichts bis Dezember angekündigt, musste die Regierung im August einsehen, dass dies nicht realistisch gewesen war. Eltern und Lehrer hatten seit Beginn der Quarantäne starke Kritik geübt und gegen den Fernunterricht protestiert und so wurde mangels alternativen Vorschlägen offiziell die Beendeigung des Schuljahres entschieden. Alle Schüler*innen des Landes, egal welchen Alters, werden 2021 automatisch in die nächste Klassenstufe versetzt.

Nach diesem Beschluss war der pädagogischen Leitung der Cristo Vive und den Erzieherinnen klar, dass sie in jedem Fall schnell eine Form finden mussten, um zumindest Lernförderung für Mathematik und Spanisch anzubieten. Andernfalls würde den Kindern nicht nur die Möglichkeit fehlen, die Lernfortschritte dieses Schuljahres zu schaffen, sondern sie würden das nächste Schuljahr sogar mit großen Defiziten beginnen.

Im August machte das Team Hausbesuche bei den eingeschriebenen Kindern, um mit den Eltern zu besprechen, wie es den Kindern in der Zeit der Quarantäne ergangen war und welche Lerninhalte ihnen überhaupt im abgebrochenen Schuljahr vermittelt werden konnten. Schnell wurde klar: Alle Kinder hatten nach fast sechs Monaten zu Hause, ohne Hausaufgaben und ohne Interaktion mit Lehrpersonal, natürlich vieles vergessen. Vor allem die Grundschulkinder und die Kleinsten aus der 1. Klasse bereiteten den Erzieherinnen die größten Sorgen. Es musste dringend gehandelt werden!

 

Das Team teilte die Kinder in Kleingruppen von jeweils sieben Schüler*innen ein, besorgte Mundschutz und Desinfektionsmittel und organisierte die Betreuungszeiten. Im September konnte man so mit den ersten Gruppen, zum Teil in Räumlichkeiten der Familien oder im Freien, mit der Lernförderung starten.

Zur gleichen Zeit wurde klar, dass auch die Kindergärten weiter geschlossen bleiben mussten und so konnte man sechs weitere Erzieherinnen aus dem stiftungseigenen Kindergarten Musuj Muju in das Team integrieren. Die Räumlichkeiten des Kulturzentrums wurden gemeinsam vorbereitet und desinfiziert und Hygieneregeln wurden mit den Kindern und Eltern vereinbart.

Im Oktober gab es einen regelrechten Ansturm und die Betreuungszahlen stiegen, da immer mehr Familien aus der Gemeinde auf das Angebot aufmerksam wurden und Vertrauen fassten.

So konnten zwischen Oktober und Dezember insgesamt 140 Schulkinder aus verschiedenen Altersstufen betreut und gefördert werden.

 

Zuerst wurden die Inhalte des vorangegangenen Schuljahres wiederholt und dann auf dieser Basis die neuen Lerninhalte vermittelt. Die Erzieherinnen stellten erstaunt und erfreut fest, wie schnell die Kinder Fortschritte machten. Es genügte oft ein kleiner „Zündfunke“, damit sie sich an das Gelernte aus dem Vorjahr erinnerten und so konnte man sie auch schnell für die neuen Aufgaben motivieren.

Nachdem die Erzieherinnen in den ersten Monaten alle Zeit und Energie in Matheaufgaben und Sprachförderung investierten, konnten ab November auch wieder ein paar sportliche und kulturelle Aktivitäten mitorganisiert werden, die die Kinder natürlich sehr genossen.

 

Das in Bolivien so bedeutende „Allerheiligenfest“, zum Gedenken der Toten, konnte vorbereitet und mit traditionellen Ritualen gefeiert werden.

Auch bei einem kleinen Fußballturnier waren die Kinder sehr motiviert und ausgelassen dabei und konnten die Sorgen der vergangenen Monate ein wenig vergessen.

Im Dezember hatten die Kinder schon wieder an Selbstbewusstsein und Vertrauen gewonnen und so konnten die Erzieherinnen zwischen spielerischen, sportlichen und kreativen Aktivitäten abwechseln.

Zum ersten Mal wurde nicht nur Weihnachten vorbereitet, sondern auch die Adventszeit gefeiert. Es wurden kleine Kränze aus Tannenzweigen gebunden, weihnachtliche Dekoration gebastelt, Lieder und Tänze einstudiert, Bibeltexte gelesen und Segenssprüche ausgesucht.

 

Kurz vor Weihnachten besuchten die Kinder in ihren Kleingruppen ihre Eltern und Familien und präsentierten ihnen das vorbereitete Programm. Die Familien waren unglaublich dankbar und erfreut, zum Jahresende so viel positive Energie, Optimismus und guten Segen von ihren Kindern ins Haus getragen zu bekommen!

Ein schöner Jahresabschluss nach einem so schwierigen Jahr, der auch im Team der Erzieherinnen nachhallt. Optimistisch haben sie sich zusammengesetzt und ihre Träume, Pläne und Ziele für die kommenden Jahre aufgeschrieben:

Trotz der Pandemie und der schwierigen finanziellen Situation der Familien hoffen sie darauf, dass sie in der nahen Zukunft mit einer kleinen Erhöhung der Beiträge der Eltern und des „Gemeinderates“ die Kosten für die Lebensmittel und den Zugang zu Internet bezahlen können. Mittelfristig wünschen sie sich, die Ludothek mit den didaktischen Spielen etwas erweitern und auch einen separaten Speisesaal einrichten zu können.

Sie sind sich bewusst, dass die Pandemie so schnell nicht vorbei sein wird und sie mit den Kindern und Eltern weiterhin Hygieneregeln „einüben“ müssen – zum Schutz aller und damit das Kulturzentrum nicht wieder seine Türen schließen muss. Da noch niemand weiß ob, wann und wie das neue Schuljahr 2021 beginnt, ist die Lernförderung fundamental für die Entwicklung der Kinder. Die Erzieherinnen wünschen sich auch wieder jugendliche deutsche Freiwillige, die eine so wertvolle Unterstützung sind und den Horizont der Kinder in Bella Vista erweitern.

Nicht zuletzt möchten sie der Mathias-Tantau-Stiftung ein großes Dankeschön für das entgegengebrachte Vertrauen in ihren Dienst als Erzieherinnen und für die konkrete finanzielle Unterstützung zum Ausdruck bringen!

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