Karoline vor Ort

Karoline vor Ort

Im „magazin AM WOCHENENDE“ der Südwestpresse Ulm erschienen am 2. November 2019 zwei Beiträge über Schwester Karoline Mayer. Der erste Text mit dem Titel „An die Grenzen gehen“ stammt von Annekathrin Erk, Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit in der Fundación Cristo Vive Chile. Den zweiten schrieb Leonhard Fromm, der Karoline vor Kurzem im ICE zwischen Hannover und Kassel kennengelernt hat.

Wir dokumentieren hier den ungekürzten Originaltext von Annekathrin Erk:

Karoline sucht einen Parkplatz für ihren kleinen weißen Jeep und ich schaue etwas nervös auf die Uhr. Meine Erfahrung sagt mir, dass wir zwar fast nie pünktlich, aber auch noch nie wirklich zu spät gekommen sind. Letztlich entscheidet sie aber, dass wir nun doch lieber „falsch parken“ und rasch am Sicherheitspersonal vorbei in die große Eingangshalle huschen. Vor 15 Minuten saßen wir noch im Büro, in einem der Randviertel im Norden Santiagos, nun auf einer schicken Terasse mit ca. 200 MitarbeiterInnen eines Baumarktes, der in Chile landesweit Filialen besitzt. Heute steht das Coporate Volunteer Programm im Vordergrund, für das Karoline in einem Impulsvortrag motivieren soll. Vorher aber gibt es ein Mittagessen, das sie (wie immer!) nutzt um ins Gespräch zu kommen. Das Essen auf ihrem Teller wird einfach nicht weniger, will sie doch gerne die Motivation der Anwesenden und deren Interesse(n) erspüren. Das kenne ich schon – sie bereitet sich auf den anstehenden Vortrag vor und packt sich dann sorgsam die überbleibenden Brötchen für das Vesper mit ihrer Mitschwester Maruja in einer Serviette ein und lässt sie in ihrem Rucksack verschwinden. Peinlich ist ihr grundsätzlich nichts, einmal mehr war das Gespräch, der Kontakt mit den Menschen wichtiger als alles andere. Ich selbst, fühle mich gerade mal wieder etwas abgehängt, für die eigenen Gefühle ist der Kontrast zwischen „unserem Arbeitsumfeld“ und dem „Reichenviertel“ doch manchmal einfach zu groß.

Wenige Minuten später läuft Karoline auf die riesige Bühne – im Hintergrund auf der Leinwand läuft ein kurzes Video mit Bildern aus ihren ersten Jahren, in schwarz weiß, dann lenkt sie „mit einem kleinen Spaß“ (wie sie es gerne nennt) die volle Aufmerksamkeit der Answesenden auf sich.

Genauso engagiert und leidenschaftlich tut sie dies, wenn sie von Schulen aus der Nachbarschaft der Poblaciones eingeladen wird, ob sie im Radio über ihren Glauben und ihrer Vision von einer Kirche der Menschen spricht, wenn Gäste aus Europa die Stiftung besuchen, wenn sie die Frauen der Krankenpflegeschule bei ihrer Graduierungsfeier verabschiedet, ob es eine, zwei oder 500 Personen sind, ob jung oder alt, ob Kind oder Greis, ob ganz arm oder reich. Für Karoline scheint jede Begegnung gleich wichtig und jedes Publikum einfach jede Minute wert.

Denn sie wird dabei nicht müde ihre Botschaften zu teilen und immer geht um das Teilen ihrer tiefsten Motivation, anderen zu Würde, zu Gerechtigkeit, zu gerechten Löhnen, zu Bildung, zu Gesundheit zu verhelfen… und ihr jeweiliges gegenüber zum Nachdenken und zu mehr Solidarität aufzurufen. In einem Land wie Chile, das weltweit zu den sozial Ungleichsten gehört, wird sie dafür bewundert, aber von den Reichen oder Politikern auch manchmal belächelt – aber sie ärgert sich nicht, sondern lächelt zurück und redet weiter.

„Cristo Vive, das bedeutet, dort zu sein, wo es so richtig schwierig ist und wo niemand anderes bei den Menschen sein will, die so dringend Unterstützung und Hoffnung brauchen.“ Das ist Karolines Geschichte und das ist auch die Geschichte von Cristo Vive. Das Verwaltungsbüro ist nicht etwa im Zentrum der Stadt, wie es bei den meisten NGOs dieser Grösse der Fall ist, sondern in einem Randviertel, das zur Entstehungszeit vor 30 Jahren noch ein Elendsviertel war. Erst als die große Berufsschule Anfang der 90er Jahre einmal gebaut und auch mit SchülerInnen gefüllt war, wurde langsam daran gedacht auch Büros einzurichten, die heute undenkbar sind, umfasst die Stiftung in Chile doch rund 450 Mitarbeitende, die an 21 Dienstorten, mehr als 33.000 Begünstigte betreuen.

Die Mitarbeitenden von Cristo Vive, alle haben sie eines gemeinsam, ob in Chile, Bolivien oder Peru: Sie sind hartnäckig und suchen „das Gute“ im Menschen, wo es auf den ersten Blick meist wenig Gutes zu berichten gibt. Sie bilden Kindertagesstätten, grüne Inseln des Glücks, für Kinder, die in den Asphaltwüsten der sozial benachteiligten Stadtviertel aufwachsen – Peumayen – „Ort der Träume“, heißt einer von ihnen. Selbst wenn in der Poliklinik zum 20. Mal von einem Drogenabhängigen eingebrochen wird, bleibt das Team bedingungslos bei den Menschen und begegnet ihnen auf Augenhöhe, ist für sie da, in ihrer Not, die manchmal größer, manchmal kleiner, aber immer da ist. Die Mitarbeitenden sind in Stadtvierteln aktiv, die allgemein gemieden werden, arbeiten dort professionell in den verschiedenen sozialen Diensten.

Hätte es Karoline nicht vorgelebt, nicht gezeigt, dass es möglich ist, hätten sich Viele wohl nicht getraut oder auf dem Weg vielleicht irgendwann aufgegeben. „Das Geheimnis ist immer die Liebe“, wie die Autobiographie von Karoline heißt, und es gehört schon auch ein großer Funken Idealismus und ein wenig Unvernunft dazu. Karoline ist Initiatorin und Motor, ist Seelsorgerin und Philosophin, ist Enthusiastin und Managerin, ist Deutsche und Chilenin, ist Perfektionistin und liebt die Improvisation.

Nicht wenige haben sich von ihr anstecken lassen, von ihrem Traum und wie sie selbst sagt: „Jeder Traum bringt dich an deine Grenzen“.

Diese Grenzen erlebt Cristo Vive in regelmäßigen Abständen, sei es weil einer der staatlichen Einrichtungen durch einen Verwaltungsfehler beim Regierungswechsel monatelang Geld schuldet und uns fast an den finanziellen Abgrund bringt oder eine öffentliche Ausschreibung des Sozialministeriums nicht gewonnen wird, von der ein ganzes Team abhängt und dann im letzten Moment doch noch ein Angebot bekommt:
„In den Süden Santiagos, nach San Bernardo, dahin wollen sie uns schicken“ – sagt Elsa, die Verantwortliche für die Obdachlosenarbeit auf der Straße, zunächst ungläubig. Es dauert ein paar Tage, aber dann ist auch der Geschäftsführer und unser Leiter für Finanzen überzeugt. Es ist der erste Dienst, den Cristo Vive in dieser Kommune aufbaut und er liegt genau am extremen anderen Ende der Stadt, über 35 km entfernt. „Wir haben die Erfahrung und können dort etwas erreichen, wir sind es gewohnt Netzwerkarbeit zu leisten – Elsa – wir schaffen das!“, sagt Karoline. Wenige Tage später ist das Büro eingerichtet und die SozialarbeiterInnen und PsychologInnen bei ihrer Arbeit. Das war erst vor wenigen Monaten. Letzte Woche nun die erschreckende Nachricht, das Büro des Teams, in einem einfachen Holzbau, ging in der Nacht in Flammen auf – Elsa ist ungläubig und zeigt das Foto auf ihrem Handy. Es ist nichts übrig geblieben, alle Dokumente, die Lebensmittel, die Kleidung für die Menschen, die Informationen zu den Begünstigten – alles weg. „Was können wir tun?“, frage ich. Elsa hat ihr Team nach Hause geschickt. „Sie sollen die Akten der betreuten Obdachlosen rekonstruieren – wir müssen weitermachen“, sagt sie mit brüchiger Stimme, aber festem Blick, denn das Ministerium wird uns nur sagen, dass es unser Problem ist. Leider! Es sind Nerven- und Geduldsproben, die an der Energie zehren, aber es gibt auch viele dieser Momente, für die sich all das lohnt:

Wenn ein Obdachloser dank seiner Suchttherapie in unserem Rehabilitationszentrum wieder Kontakt zu seiner Familie aufnimmt und diese bei seiner Entlassung mit Kind und Kegel beiwohnt, wenn plötzlich eine menschengroße kunstvoll geschweißte Figur im Hof des Stiftungsgeländes auftaucht, die ein ehemaliger Schüler zum Dank geschenkt hat oder wenn einer unserer Menschen mit Behinderung stolz seinen ersten Arbeitsvertrag unterschreibt und sich endlich als Teil der Gesellschaft fühlt. Das sind die Momente, die unbezahlbar sind und die uns motivieren weiterzuarbeiten.

Vor kurzem blickte ich auf der Damentoilette eines Cafés nach oben, die Wände waren beklebt mit Seiten aus verschiedenen Zeitschriften, Beauty-Queens und andere Ikonen, und ich konnte meinem Blick kaum glauben, da lächelte sie mich an – Karoline Mayer.

 

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